Das Lebenskapital der Bienen erhalten
Unsere Bienenvölker leiden stark unter Winterverlusten. Diese sind sicherlich nicht ausschließlich den imkerlichen Praktiken zuzuschreiben, ganz im Gegenteil; doch in einem solchen Kontext kann der Imker nur eines tun: alles daransetzen, dass seine Völker bereits zu Beginn des Frühjahrs über die notwendige Vitalität verfügen, um die Brutentwicklung kraftvoll wieder aufzunehmen. Die Zeit, in der sich die Biene nahezu von selbst entwickelte, ist vorbei, und wir wissen nicht, ob sie je zurückkehren wird. Unsere Praktiken müssen daher verfeinert werden, um den Völkern bestmögliche Voraussetzungen zu bieten. Es gilt somit, die gesamte Ökonomie des Bienenvolkes in den Blick zu nehmen – und zwar bereits ab Anfang Juli.
Lebenskapital der Winterbienen sichern: Varroamanagement, Fütterungsstrategie und Störungsfreiheit als Schlüssel zum Frühjahrserfolg
Die Überwinterung entscheidet maßgeblich über die Leistungsfähigkeit einer Kolonie im folgenden Frühjahr. Zentrale These ist, dass nicht allein die Anzahl der Winterbienen, sondern vor allem deren Lebensdauer über die Frühjahrsentwicklung bestimmt. Während in der Literatur Lebensspannen von 150 bis 200 Tagen genannt werden, argumentiert der Beitrag, dass Winterbienen ein Potenzial von mindestens 210 Tagen benötigen, um eine ausreichende Überlappung der Generationen im Frühjahr zu gewährleisten.
Anhand einer Modellrechnung wird verdeutlicht: Beträgt die Lebenserwartung nur 160 Tage ab Mitte September, sind Ende Februar nahezu alle Winterbienen verbraucht. Bleibt die Brutaufnahme der Königin im März verzögert, droht eine kritische Schwächung der Kolonie. Reicht die Lebensdauer hingegen bis Mitte April (rund 210 Tage), bleiben genügend vitale Winterbienen erhalten, um den Übergang zur ersten Frühjahrsgeneration zu sichern. Diese Überlappung ist Voraussetzung für eine dynamische Volksentwicklung zur Trachtzeit.
Winterbienen unterscheiden sich physiologisch deutlich von Sommerbienen. Sie verfügen über stärker entwickelte Fettkörper, erhöhte Proteinreserven – insbesondere Vitellogenin – und niedrigere Juvenilhormonspiegel. Diese Konstellation begünstigt Langlebigkeit. Brutpflege hingegen reduziert die Proteinreserven; bereits Brutpheromone beeinflussen die Physiologie der Arbeiterinnen. Späte Brutaktivität im Herbst sowie erhöhte Brutnesttemperaturen steigern den Juvenilhormonspiegel und verkürzen die Lebensdauer. Daher ist eine schrittweise Reduktion der Brut ab Mitte September unter mitteleuropäischen Bedingungen sinnvoll.
Der entscheidende Zeitraum für die Sicherung des „Lebenskapitals“ liegt zwischen dem 15. Juli und dem 15. September. Ab Mitte Juli müssen Varroabelastung und assoziierte Virusinfektionen konsequent kontrolliert werden. Eine späte Sommerbehandlung ist unzureichend, da geschädigte Ammenbienen nicht in der Lage sind, physiologisch vollwertige Winterbienen aufzuziehen. Neben dem richtigen Zeitpunkt ist auch die Wahl und Durchführung der Behandlung relevant, da ungeeignete Maßnahmen selbst Stressfaktoren darstellen können.
Die Fütterung erfordert eine differenzierte Planung. Ein Dadant-Rahmen mit beidseitig verdeckeltem Honig entspricht etwa 4 bis 4,5 kg Vorrat. Eine starke Kolonie benötigt zur Überwinterung insgesamt etwa 25 bis 30 kg Reserven. Mitte Juli sollten ausreichend Vorräte und Brutflächen vorhanden sein, um etwa 30 000 Jungbienen zu generieren. Mitte August wird gezielt nachgefüttert, wobei der Königin noch Raum für einen letzten vollständigen Brutzyklus verbleiben muss. Nach dem 15. September sind stimulierende Futtergaben zu vermeiden; stattdessen wird das Brutnest begrenzt und der Eintrag so gesteuert, dass die Vorräte eingelagert werden, ohne eine übermäßige Brutaktivität zu provozieren.
Neben Varroamanagement und Fütterung spielt die Minimierung von Störungen eine wesentliche Rolle. Die Wintertraube arbeitet nach einem Prinzip der Energieökonomie. Unnötige Öffnungen, schlechte Belüftung oder Zugluft führen zu erhöhtem Verbrauch. Eine ausreichende Ventilation mit Kamineffekt ist während der brutfreien Phase wichtig, während Isolation vor allem in Phasen mit Brut (bis Mitte Oktober und ab Mitte Januar) die Thermoregulation unterstützt. Regelmäßige, aber störungsarme Kontrollen ermöglichen die Beobachtung von Traubenlage, Futterverbrauch und Brutbeginn.
Zusammenfassend liegt der Schlüssel zur Frühjahrsstärke in der gezielten Steuerung der Sommer- und Frühherbstphase. Nur wenn Winterbienen unter optimalen Bedingungen entstehen, frei von Varroastress, mit angemessener Brutbelastung, ausreichenden Vorräten und minimaler Störung, erreichen sie eine Lebensdauer von rund sieben Monaten. Diese Langlebigkeit ermöglicht die Überlappung der Generationen und bildet die Grundlage für vitale, leistungsfähige Kolonien im Frühjahr.
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- Die Überwinterung der Honigbiene: Eine besondere Phase ihres Lebenszyklus
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- Varroa: Die Brutunterbrechung
- Grundsätze der Bienenfütterung
Quelle: abeilles & cie 3-2010 Nr. 136; http://www.cari.be


