Bewährte Praktiken für die Durchsicht eines Bienenvolkes
Grundsätze, Methode und wesentliche Kontrollpunkte
Eine Beute zu öffnen ist weder ein harmloser Handgriff noch eine automatische Routine. Jede Öffnung stört das innere Gleichgewicht des Volkes: Bruttemperatur, Feuchtigkeit, räumliche Organisation und chemische Kommunikation. Feldbeobachtungen zeigen, dass ein Volk nach einer Durchsicht 24 bis 48 Stunden benötigt, um sein funktionales Gleichgewicht vollständig wiederherzustellen.
Die moderne Imkerin bzw. der moderne Imker besucht eine Beute daher nicht aus Neugier, sondern um ein klar definiertes Ziel zu verfolgen. Eine gute Durchsicht folgt einer einfachen Logik: beobachten → diagnostizieren → entscheiden → schliessen, mit dem Ziel, möglichst viele Informationen bei möglichst geringer Störung zu gewinnen.
1) Beobachten vor dem Öffnen (ohne Eingriff)
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Ziel |
Am Flugloch beobachten und Gemüll auswerten
- Stärke und Regelmässigkeit des Flugbetriebs
- Heimkehrende Bienen mit Pollen (starker Hinweis auf offene Brut)
- Allgemeines Verhalten (ruhig, unruhig, Abwehrreaktion)
- Krabbelnde Bienen, Stummelflügel, übermässiger Totenfall
- Ungewöhnliche Gerüche
- Gemüll, Detritus und sonstige Rückstände auf der Windel liefern wertvolle Informationen über die Dynamik und Gesundheit der Völker.
Auswertung
In der grossen Mehrheit der Situationen lässt eine aufmerksame Beobachtung bereits Folgendes ableiten:
- wahrscheinliche Brutpräsenz,
- allgemeine Vitalität des Volkes,
- allfälligen Nahrungs- oder Gesundheitsstress.
⇒ Sehr oft reicht dieser Schritt aus und macht ein Öffnen unnötig.
Mehr erfahren:
► Fluglochbeobachtung
► Die faszinierenden Geheimnisse der Gemüllkontrolle
► Merkblatt: 4.8.1 Fluglochbeobachtung
► Echtzeit-Beobachtungen
2) Entscheiden, ob die Beute geöffnet werden soll
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Grundprinzip Kein klares Ziel = kein Öffnen. |
Jedes Öffnen verursacht biologische Kosten für das Volk. Zu häufiges Öffnen erhöht den Stress, stört das Mikroklima im Brutraum und bindet unnötig interne Ressourcen über mehrere Dutzend Stunden.
Gute Gründe zum Öffnen
- Eilage prüfen
- Brutbild beurteilen
- Futtervorrat kontrollieren
- Rähmchen oder Honigzarge einsetzen oder entnehmen
- Ein vermutetes Problem diagnostizieren
- Einen geplanten Eingriff vornehmen (Behandlung, Teilung, Umweiseln)
Schlechte Gründe
- «Schauen, wie es läuft»
- «Weil das Wetter schön ist»
- «Weil die Beute schon lange nicht mehr geöffnet wurde»
Mehr erfahren:
► Zehn Tipps für eine gute Völkerdurchsicht
► Völkerdurchsicht: Worauf zu achten ist
► Aufstellung und Völkerdurchsicht
3) Die Durchsicht vorbereiten (Sicherheit und Biosicherheit)
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Ziel |
Mindestbedingungen
- Temperatur ≥ 15 °C
- Trockenes, windstilles Wetter
- Sichtbarer Flugbetrieb
Ausrüstung
- Geeigneter persönlicher Schutz
- Smoker mit kühlem, sparsam eingesetztem Rauch
- Sauberer Stockmeissel
- Bienenbürste
- Wabenknecht
- Notizheft oder Tracking-App (Stockkarte)
Biosicherheit
Der Imker ist der wichtigste Überträger von Krankheiten innerhalb eines Bienenstands.
- Gesunde Völker vor verdächtigen Völkern besichtigen
- Werkzeuge bei Seuchenverdacht desinfizieren
- Handschuhe bei Bedarf wechseln
- Rähmchen niemals ohne absolute Gewissheit über den Gesundheitsstatus tauschen
Mehr erfahren:
► Merkblatt: 4.1 Hygiene
► Imkereimaterial
► Stockkarte
► Die Pflege des Imkereimaterials
4) Die Beute korrekt öffnen
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Ziel |
Vorgehen
- Ruhiger Eingriff, ohne Erschütterungen
- Leichtes Einräuchern am Flugloch (ggf. nur Wasser)
- Abnehmen des Deckels und des Deckbretts
- Sehr sparsames Einräuchern über den Rähmchen
- Trennschied oder ein Randrähmchen entfernen, um Platz zu schaffen
⏱️ Richtwert: maximal 10 bis 15 Minuten.
Rauch oder Wasser?
Rauch bleibt das Standardmittel zum Überdecken der Alarmpheromone.
In bestimmten Situationen (ruhige Völker, sehr kurze Durchsichten, hohe Temperaturen) kann ein leichtes Besprühen mit Wasser eine punktuelle, weniger invasive Alternative darstellen: Es veranlasst die Bienen zum Putztrieb, ohne die chemische Kommunikation stark zu stören.
Diese Option muss situationsabhängig, dosiert und im Einklang mit dem Ziel der Durchsicht eingesetzt werden.
Mehr erfahren:
► Völkerdurchsicht: Worauf zu achten ist
► Imkereimaterial
5) Brut untersuchen (Kern der Diagnose)
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Ziel |
Kontrollpunkte
- Vorhandensein von Eiern, Larven und verdeckelter Brut
- Brutbild (kompakt, einheitliche Farbe)
- Aussehen der Larven (perlweiss, glänzend, gut segmentiert, seitlich liegend, in Futtersaft gebettet)
- Aussehen der Zelldeckel (leicht gewölbt (konvex), hellbraun bis ockerfarben, intakt, nicht perforiert und nicht eingesunken)
- Neutraler Geruch
- Vorhandensein von Weiselzellen
Warnsignale
- Sehr lückenhaftes Brutnest (> 15 % leere Zellen)
- Vollständiges Fehlen von Eiern
- Eingesunkene oder durchlöcherte Zelldeckel
- Verfärbte oder bräunliche Larven, falsch positioniert, ohne sichtbare Segmentierung oder schleimig, ohne Futtersaft
Mehr erfahren:
► Das Brutvolumen
► Vom Ei zur Imago
► Sackbrut
6) Königin beurteilen (ohne systematische Suche)
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Grundprinzip Man sucht nicht die Königin, sondern den Beweis ihrer Anwesenheit durch ihre Eilage. In der grossen Mehrheit der Fälle ist die Anwesenheit korrekt gelegter Eier ein zuverlässiger Hinweis auf eine funktionierende Königin. Die Königin bei den meisten Durchsichten systematisch zu suchen ist überflüssig: Es erhöht das Quetschungsrisiko, verlängert das Öffnen und liefert meist keine zusätzlichen Informationen. |
Vorsicht bei der Interpretation von Eiern
Seltener, insbesondere bei buckelbrütigen Völkern, können ebenfalls Eier beobachtet werden. Sie liegen dann häufig mehrfach in einer Zelle, manchmal an den Zellwänden statt am Zellboden befestigt. Diese Situation geht in der Regel mit einem sehr lückenhaften und überwiegend männlichen Brutbild einher. Zudem ist eine grössere Anzahl Drohnen als üblich zu beobachten.
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Vorhandensein von Weiselzellen In der Praxis können Lage und Anzahl der Weiselzellen zusätzliche Hinweise liefern: |
- Das Vorhandensein mehrerer Weiselzellen, häufig am Rand oder am unteren Teil der Rähmchen, ist in Zeiten starker Volksdynamik oft mit einer Vorbereitung auf den Schwarmabgang verbunden.
- Umgekehrt wird das Vorhandensein einer oder sehr weniger, isoliert im Brutnest gelegener Weiselzellen häufiger beim Umweiseln beobachtet, wenn das Volk eine alternde oder versagende Königin ersetzt.
Diese Hinweise müssen jedoch stets in Kombination mit dem Brutbild, der Jahreszeit und dem allgemeinen Volksverhalten interpretiert werden und dürfen nicht als isolierte Entscheidungskriterien dienen.
Begleitende Verhaltensweisen
Ein ausgeprägtes und anhaltendes Fächeln (Aufbrausen) im Innern der Beute oder am Flugloch kann in verschiedenen Situationen beobachtet werden. Meistens entspricht es einer normalen Regulierung von Temperatur, Feuchtigkeit oder Nektar. Nur in Kombination mit anderen ungewöhnlichen Signalen (fehlende Brut, Unruhe, lückenhafte Eilage, überdurchschnittlich viele Drohnen) kann es einen diagnostischen Wert erhalten.
Königin zeichnen
Das Zeichnen der Königin ist für die Diagnose nicht zwingend notwendig. Es kann jedoch in bestimmten gezielten Situationen (Bestandeskontrolle, Umweiseln, Zucht, Ausbildung) ihre Auffindung erleichtern und dazu beitragen, die Öffnungszeit bei spezifischen Durchsichten zu verkürzen.
Mehr erfahren:
► Merkblatt: 4.5.1 Königin finden
► Schwarmtrieb
► Das buckelbrütige Volk
► Zehn Tipps für eine gute Völkerdurchsicht
7) Volksstärke und verfügbaren Raum beurteilen
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Ziel |
Indikatoren
- Anzahl besetzter Rähmchen
- Bienendichte (eine vollständig mit Arbeiterinnen bedeckte Seite eines Dadant-Brutrahmens umfasst etwa 1'400 Bienen)
- Interne Zirkulation
Mögliche Massnahmen
- Honigzarge aufsetzen
- Rähmchen mit Mittelwand einsetzen
- Mit einem Trennschied einengen
- Volk teilen
Mehr erfahren:
► Völkerteilung
► Sommerableger mit Bienen aus den Honigzargen
► Der Rähmchenbau
8) Futtervorrat prüfen (Honig und Pollen)
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Die Rähmchenfläche gedanklich in 20 Abschnitte à 100 g einteilen. |
Ziel |
Zu beobachten
- Honigmenge (siehe Berechnung unter dem Bild links)
- Vorhandensein von Pollen und unverdeckeltem Honig (Zeichen für jüngste Eintragungen) in der Nähe der Brut
- Zugänglichkeit der Reserven
Mögliche Massnahmen
- Saisongerechte Fütterung
- Umordnen der Rähmchen
- Einsetzen oder Entnehmen von Honigwaben (Achtung: Faulbrut!)
Mehr erfahren:
► Alles über die Fütterung
► Grundsätze der Bienenfütterung
► Die Futtermenge ist entscheidend
9) Krankheiten und Parasiten erkennen
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Ziel |
Gesamtbeurteilung der Volksgesundheit
Die genaue Bestimmung von Bienenkrankheiten kann komplex sein. In der Praxis ist es oft sinnvoller, mit einer einfacheren und robusteren Frage zu beginnen:
⇒ Ist das Volk insgesamt gesund oder nicht?
Ein gesundes Volk zeigt in der Regel:
- ein regelmässiges und homogenes Brutbild,
- eine ausreichende und dynamische Population,
- ruhiges und stimmiges Verhalten,
- zugängliche Reserven,
- das Fehlen offensichtlicher Zeichen von Stress oder ungewöhnlichem Totenfall.
Wenn diese Kriterien erfüllt sind, muss nicht aktiv nach einer spezifischen Pathologie gesucht werden.
Bei anhaltenden Zweifeln oder ungewöhnlichen Zeichen empfiehlt es sich, einen erfahrenen Imker oder den Bieneninspektor zu kontaktieren, anstatt unsichere Symptome allein zu interpretieren.
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Wesentliche Punkte
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Zu beachten
- Varroa destructor
- Faulbrut (Amerikanische / Europäische Faulbrut)
- Mykosen
- Nosema
- Prädatoren (Asiatische Hornisse)
Im Zweifelsfall notieren und vor dem Handeln Rat einholen oder den Bieneninspektor benachrichtigen.
Mehr erfahren:
► Varroa destructor
► Merkblatt: 2.1 Amerikanische Faulbrut
► Leitfaden zur Bienengesundheit
10) Die Beute korrekt schliessen
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Ziel |
Gute Praxis
- Rähmchen in derselben Reihenfolge zurücksetzen
- Prüfen, ob keine Königin am Rand eingeklemmt ist
- Schliessen ohne Bienen einzuklemmen
- Werkzeuge nach der Durchsicht reinigen
11) Die Durchsicht dokumentieren und auswerten
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Systematisch festzuhalten
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Eine nicht dokumentierte Durchsicht ist aus seuchenhygienischer Sicht eine unvollständige Durchsicht.
Mehr erfahren:
► Stockkarte
► Bienenstandführung: Betriebskonzept
12) Fazit – Das wichtigste Grundprinzip
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1. Eine Beute gut zu besuchen bedeutet nicht, sie häufig zu besuchen. Jedes Öffnen kann das Volk für 24 bis 48 Stunden aus dem Gleichgewicht bringen. ⇒ So wenig wie möglich, und so viel wie nötig. |
2. Zwei strukturierte Hauptdurchsichten sind ideal:
- im Frühjahr (Auswintern),
- im Herbst (Einwintern).
⇒ In der übrigen Zeit zuerst am Flugloch beobachten.
3. Öffnen nur, wenn ein klares Ziel es rechtfertigt.
Diese Herangehensweise respektiert das Wohlbefinden der Bienen, vermindert das Seuchenrisiko und ermöglicht eine präzisere, nachhaltigere und gelassenere Imkerei.


