Königinnenzucht und Bienengenetik
Die Zucht von Königinnen ist eine der Grundsäulen der modernen Imkerei. Die Qualität eines Bienenvolkes hängt weitgehend von seiner Königin ab. Durch ihr Erbgut und die ständige Produktion von Pheromonen beeinflusst sie die Vitalität, das Verhalten und die Leistungsfähigkeit des gesamten Volkes.
Die gezielte Zucht beschränkt sich nicht auf die Produktion neuer Königinnen. Sie basiert auf einem tiefgreifenden Verständnis der biologischen Mechanismen – Schwarmtrieb, Verwaistsein, Befruchtung – sowie auf soliden genetischen Grundlagen und einer strukturierten Selektion.
1. Schwarmneigung und Weisellosigkeit
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Abb. 1 : Schwarmzelle. Sie befindet sich vor allem entlang der Wabenränder |
1.1 Biologische GrundlagenDie Königin ist das einzige funktionell fortpflanzungsfähige Weibchen des Volkes. Sie gewährleistet nicht nur die Weitergabe des genetischen Erbguts, sondern auch die soziale Regulation durch die kontinuierliche Produktion von Pheromonen. Diese Königinnenpheromone erfüllen mehrere wesentliche Funktionen:
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Wenn die Pheromonproduktion abnimmt — aufgrund des Alterns der Königin oder der zunehmenden Volksstärke — wird das hemmende Signal unzureichend. Die Arbeiterinnen beginnen dann mit dem Bau von Weiselzellen (Abb. 3). Dieser Mechanismus stellt keine Anomalie dar, sondern einen natürlichen Fortpflanzungsprozess des Volkes. Die Schwarmdynamik hängt daher ab von:
- dem Alter der Königin,
- der Populationsdichte,
- der Ressourcenverfügbarkeit,
- dem inneren pheromonalen Gleichgewicht.
1.2 Schwarmzellen
Schwarmzellen unterscheiden sich morphologisch von Arbeiterinnenzellen. Sie sind länglich und nach unten ausgerichtet. Sie entwickeln sich schrittweise bis zur Verdeckelung (Abb. 1). Sie erscheinen hauptsächlich:
- am Wabenrand,
- in den Randbereichen des Nestes,
- manchmal in Drohnenrahmen.
Das Vorhandensein verdeckelter Schwarmzellen weist auf eine aktive Vorbereitung zur Teilung des Volkes hin.
1.3 Weisellosigkeit als Zuchtmechanismus
Weisellosigkeit stellt den zweiten biologischen Auslöser der Weiselzucht dar. In Abwesenheit von Königinnenpheromonen:
- wählen die Arbeiterinnen sehr junge Larven aus,
- erweitern sie die Zellen,
- ändern sie die Fütterung, indem sie ausschliesslich Gelée Royale verabreichen.
Die differenzierte Entwicklung zu einer Königin hängt nicht vom anfänglichen genetischen Material ab, sondern von der Ernährung und dem Zellvolumen. Kontrollierte Weisellosigkeit bildet somit die technische Grundlage der gezielten Zucht.
1.4 Bedeutung für den Züchter
Die Königinnenzucht beruht auf der Beherrschung dieser beiden natürlichen Mechanismen:
- Weisellosigkeit auslösen oder nutzen,
- die Schwarmdynamik kontrollieren.
Ohne Verständnis dieser Prozesse bleibt jeder Zuchtversuch zufällig.
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2. Begattung der Königin
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2.1 Paarungsprozess Nach dem Schlupf unternimmt die junge Königin mehrere Begattungsflüge. Diese Flüge finden bei günstigen Wetterbedingungen statt und erfolgen in Drohnensammelplätzen. In diesen Bereichen konzentrieren sich Männchen aus unterschiedlichen Völkern. Die Königin paart sich nacheinander mit mehreren Drohnen (Abb. 2). Dieses Phänomen der Mehrfachbegattung (Polyandrie) stellt ein wesentliches Merkmal der Biologie der Honigbiene dar. |
Die Polyandrie führt zu:
- einer hohen genetischen Vielfalt innerhalb des Volkes,
- der Bildung von Unterfamilien von Arbeiterinnen,
- einer besseren funktionellen Stabilität des Volkes.
Diese Effekte gewährleisten nicht automatisch eine höhere Leistung, erhöhen jedoch die Wahrscheinlichkeit einer besseren funktionellen Stabilität des Volkes. Nach der Begattung wird das Sperma in der Spermatheka gespeichert und muss für die gesamte Lebensdauer der Königin ausreichen. Qualität und Menge des Spermas bestimmen:
- die Lebensdauer der Königin,
- die Regelmässigkeit der Eiablage,
- die Vitalität des Volkes.
Eine unzureichende oder mangelhafte Begattung kann sich durch eine unregelmässige Eiablage, eine übermässige Drohnenproduktion oder einen frühen Königinnenwechsel zeigen.
2.2 Genetische Rolle der Drohnen
Drohnen entstehen aus unbefruchteten Eiern. Sie sind haploid und übertragen ausschliesslich das genetische Erbgut ihrer Mutter.
Daraus folgt:
- Jeder Drohn repräsentiert genetisch sein Herkunftsvolk,
- die genetische Qualität der drohnenproduzierenden Völker beeinflusst direkt die nächste Generation.
In einem Zuchtprogramm ist die Auswahl der Drohnenvölker daher von gleichwertiger Bedeutung wie jene der Muttervölker. Fehlende Kontrolle über die Herkunft der Drohnen kann die auf den Königinnen erzielten Selektionserfolge beeinträchtigen.
2.3 Steuerung der Begattung
Die Begattung kann unter natürlichen Bedingungen nie vollständig kontrolliert werden. Sie kann jedoch gelenkt werden. Belegstellen ermöglichen es, junge Königinnen zu isolieren und sicherzustellen, dass nur Drohnen aus selektierten Linien an der Paarung teilnehmen. Dieses System erlaubt:
- die Stabilisierung der gewünschten Merkmale,
- die Begrenzung des Eintrags unerwünschter Genetik,
- die Schaffung einer verlässlichen Grundlage für die spätere Bewertung.
Dichte und Qualität der Drohnenvölker sind entscheidend, um eine vollständige Begattung zu gewährleisten.
2.4 Biologische Grenzen
Selbst auf einer Belegstelle entziehen sich gewisse Parameter der Kontrolle:
- Wetterbedingungen,
- Erfolg der Hochzeitsflüge,
- tatsächlich gespeicherte Spermamenge.
Die Begattung bleibt ein biologischer Prozess mit Variabilität. Der Züchter muss diese Unsicherheit daher in sein Programm integrieren und nach der Einweiselung eine strenge Bewertung der jungen Königinnen vorsehen.
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3. Verwendung der Königinnen
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3.1 Zusetzen junger KöniginnenDas Zusetzen einer jungen Königin ist ein kritischer Schritt im Zuchtprozess. Eine genetisch vielversprechende Königin kann verloren gehen, wenn die Bedingungen beim Zusetzen nicht beherrscht werden. Das aufnehmende Volk muss:
Die Königin wird in der Regel in einen Zusetzenkäfig gegeben (Abb. 3). Dieser Käfig ermöglicht eine schrittweise Eingewöhnung. Die Bienen kommen durch das Gitter mit der Königin in Kontakt, was ihre Annahme durch Austausch von Pheromonen und Futter fördert. Die Annahme hängt von mehreren Faktoren ab:
Ein schlecht vorbereitetes Zusetzen kann zur Ablehnung oder zur Zerstörung der Königin führen. |
3.2 Bildung von Ablegern (
Ableger dienen dazu, begattete Königinnen in einer kontrollierten Umgebung aufzunehmen. Das Begattungskästchen enthält in der Regel 4 - 6 Brutwaben (Abb. 4). Das Vorhandensein von offener und verdeckelter Brut stabilisiert das Volk und fördert die Annahme. Ableger erfüllen mehrere Funktionen:
- Kontrolle der Legeleistung,
- strategische Königinnenreserve,
- schneller Ersatz von defekten Königinnen,
- Sicherheitsüberwinterung.
Ein zu schwaches Volk erlaubt keine verlässliche Bewertung der Königin. Die beobachtete Leistung hängt teilweise von der Stärke des Ablegers ab.
3.3 Markierung und Rückverfolgbarkeit
Die Markierung der Königinnen ist ein zentrales Element der Zuchtnachverfolgung (Abb. 5). Jede Königin erhält:
- eine nummerierte Pastille,
- oder eine farbige Markierung gemäss dem internationalen Jahrescode.
Die Markierung ermöglicht:
- die Identifikation der Herkunft,
- die spätere Kontrolle der Anwesenheit der Königin,
- die genealogische Rückverfolgbarkeit.
Es wird empfohlen, Königinnen vor dem Zusetzen zu markieren, insbesondere um Verwechslungen nach den Begattungsflügen zu vermeiden. Frisch geschlüpfte Königinnen sind leichter zu handhaben. Dabei ist darauf zu achten, die Flügelbasis nicht mit Klebstoff zu verkleben. Die Königin sollte erst nach einer Mindestwartezeit von etwa zehn Minuten zugesetzt werden, um eine aggressive Reaktion aufgrund des Geruchs der Markierung zu vermeiden. Eine Königin unbekannter Herkunft kann nicht in ein strukturiertes Zuchtprogramm integriert werden.
3.4 Überwinterung und verzögerte Validierung
Die Bewertung einer Königin kann erst nach der Überwinterung als endgültig gelten. Eine junge Königin muss zeigen:
- eine regelmässige Eiablage,
- eine gute Entwicklungsdynamik,
- die Fähigkeit, das Volk zu einer stabilen Überwinterung zu führen.
Erst im folgenden Frühjahr kann man beurteilen:
- ihre Langlebigkeit,
- die Stabilität des Volkes,
- die Gesamtqualität der Nachkommen.
Die Nutzung der Königinnen bildet somit die Verbindung zwischen technischer Produktion und genetischer Validierung.
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4. Vererbung
Abb. 6 : Haplo-Diploidie bezeichnet eine Form der Geschlechtsbestimmung, bei der ein Geschlecht nur einen Chromosomensatz trägt (haploid, Drohn) und das andere Geschlecht den doppelten Chromosomensatz (diploid, Königin). In der Regel ist das männliche Geschlecht haploid. |
4.1 Haplodiploides SystemBei der Honigbiene ist das System der Geschlechtsbestimmung haplodiploid (Abb. 6).
Dieses System hat mehrere wesentliche Konsequenzen:
Damit ist die Auswahl der drohnenproduzierenden Völker ebenso entscheidend wie jene der Muttervölker. |
4.2 Intra-koloniale Vielfalt und Polyandrie
Die Mehrfachbegattung der Königin führt zur Bildung mehrerer Unterfamilien von Arbeiterinnen innerhalb desselben Volkes. Jede Unterfamilie teilt:
- dieselbe Mutter,
- einen unterschiedlichen Vater.
Diese interne genetische Vielfalt trägt bei zu:
- Verhaltensstabilität,
- Resilienz gegenüber Krankheiten,
- organisatorischer Flexibilität.
Die innerhalb eines Volkes beobachtete Variabilität resultiert daher nicht aus einem Mangel an Einheitlichkeit, sondern aus einer biologischen Strategie.
4.3 Erblichkeit
Nicht alle Merkmale werden mit derselben Intensität vererbt. Die Erblichkeit beschreibt den Anteil der Variabilität eines Merkmals, der auf genetische Faktoren zurückzuführen ist, im Gegensatz zu Umwelteinflüssen. Ein Merkmal mit hoher Erblichkeit reagiert schneller auf Selektion. Umgekehrt erfordert ein stark von der Umwelt beeinflusstes Merkmal:
- wiederholte Beobachtung,
- vergleichbare Bedingungen,
- langfristige Selektion.
Die genetische Verbesserung hängt daher ab von:
- der anfänglichen Variabilität,
- der Intensität der Selektion,
- der Konstanz über mehrere Generationen.
Erblichkeit ist kein absoluter Wert, der einem Merkmal anhaftet. Sie hängt von der betrachteten Population und den Umweltbedingungen ab, unter denen die Beobachtungen durchgeführt werden. Eine Änderung der Haltungs- bzw. Zuchtbedingungen kann daher den relativen Anteil, der genetischen Faktoren zugeschrieben wird, verändern.
4.4 Genetik–Umwelt-Interaktion
Der beobachtete Phänotyp eines Volkes ergibt sich stets aus der Interaktion zwischen:
- dem genetischen Erbgut,
- den Umweltbedingungen.
Ein leistungsfähiges Volk in einem günstigen Umfeld kann unter anderen Bedingungen nicht dieselbe Leistung zeigen. Diese Interaktion bedeutet, dass beobachtete Leistungen im jeweiligen Kontext interpretiert werden müssen. Ein gültiger Vergleich zwischen Völkern setzt möglichst homogene Bewertungsbedingungen voraus, um den Einfluss externer Faktoren zu begrenzen.
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Abb. 7 : Mikrosatelliten sind Abschnitte auf den Chromosomen; sie haben keinen Einfluss auf die Merkmale. Individuen, Gruppen verwandter Tiere und Rassen unterscheiden sich durch die Länge der Mikrosatelliten. Dadurch lassen sich Zuchtlinien und die Rassenzugehörigkeit kontrollieren. |
4.5 Mikrosatelliten und LinienkontrolleMikrosatelliten sind chromosomale Abschnitte, die als genetische Marker verwendet werden (Abb. 7). Sie bestimmen die Merkmale nicht direkt, ermöglichen aber:
Diese Werkzeuge tragen zur Erhaltung des genetischen Erbes und zur Steuerung von Zuchtpopulationen bei. |
4.6 Kreuzungseffekte und Heterosis
Kreuzungen zwischen genetisch weit entfernten Rassen können einen Heterosis-Effekt erzeugen. Dieser Effekt kann sich äussern durch:
- eine erhöhte Vitalität,
- eine verstärkte Verteidigungsfähigkeit.
Diese Effekte können jedoch auch mit unerwünschten Verhaltensweisen einhergehen, insbesondere mit erhöhter Aggressivität. Zudem können die in der ersten Kreuzungsgeneration beobachteten Effekte in den Folgegenerationen aufgrund genetischer Rekombination nicht mit gleicher Intensität erhalten bleiben. Das Management von Kreuzungen erfordert daher Vorsicht und Kontrolle.
Mehr erfahren :
- Einführung in die Genetik der Bienen
- Die Wahl des Königinntyps (F0 oder F1?)
- Epigenetik führt die Genetik am Taktstock
5. Selektion
Abb. 8 : Selektion bedeutet, innerhalb einer Population diejenigen Völker auszuwählen, die die gesuchten Merkmale aufweisen |
5.1 Grundlagen der SelektionSelektion bedeutet, innerhalb einer Population diejenigen Völker auszuwählen, die die gesuchten Merkmale aufweisen, um sie für die Fortpflanzung zu nutzen. Sie beruht auf drei untrennbaren Elementen:
Ohne Beherrschung dieser drei Parameter bleibt genetischer Fortschritt zufällig. Selektion zielt nicht auf individuelle Perfektion, sondern auf die schrittweise Verbesserung der Population. |
5.2 Definition der Kriterien
Die Kriterien müssen vor jeder Selektion festgelegt werden. Zu den Hauptkriterien gehören:
- Sanftmut,
- Wabensitz,
- Schwarmneigung,
- Ertrag.
Je nach Zielsetzung können weitere Kriterien einbezogen werden:
- hygienisches Verhalten,
- Krankheitsresistenz,
- Frühjahrsvitalität.
Eine kohärente Selektion erfordert eine Priorisierung der Kriterien. Nicht alle können gleichzeitig mit derselben Intensität verbessert werden.
5.3 Auswahl der Muttervölker
Die Muttervölker werden unter denjenigen mit den besten Gesamtleistungen ausgewählt. Die Bewertung muss erfolgen:
- über eine vollständige Saison,
- unter vergleichbaren Bedingungen,
- mithilfe eines strukturierten Punktesystems.
Eine isolierte Ausnahmeleistung reicht nicht aus; entscheidend ist die Stabilität der Ergebnisse. Die als Mütter ausgewählten Königinnen müssen zeigen:
- eine regelmässige Eiablage,
- eine ausgewogene Entwicklungsdynamik,
- eine Überwinterungstauglichkeit.
5.4 Auswahl der Drohnenvölker
Die Auswahl der drohnenproduzierenden Völker ist ebenso wichtig. Angesichts des haplodiploiden Systems gilt:
- Drohnen übertragen das Erbgut ihrer Mutter direkt,
- jede genetische Schwäche wird unmittelbar weitergegeben.
In einem strukturierten Programm sollten nur positiv bewertete Völker die Drohnen produzieren, die für die Begattung vorgesehen sind.
5.5 Testen und kollektive Bewertung
Die aus der Selektion hervorgegangenen Königinnen werden anonymisiert an Tester verteilt. Diese Anonymisierung ermöglicht:
- die Vermeidung von Bewertungsbias,
- die Sicherstellung der Objektivität.
Die Leistungen werden anhand standardisierter Kriterien beobachtet. Nach der Testphase werden die Resultate zentralisiert und verglichen. Dieser Prozess erlaubt:
- die Identifikation überlegener Linien,
- das Ausscheiden unzureichender Linien,
- die Anpassung der Selektionsstrategie.
5.6 Fortschritt und Grenzen
Genetischer Fortschritt ist schrittweise und kumulativ. Er hängt ab von:
- dem Selektionsdruck,
- der Intensität der Auswahl,
- der Kontrolle der Begattung,
- der Konstanz über mehrere Generationen.
Unregelmässige oder inkohärente Selektion führt zu Stagnation oder sogar Rückschritt. Selektion bildet damit das strategische Herzstück der gezielten Zucht.
Mehr erfahren :
- Merkblatt : 4.7 Bewertung und Selektion von Völkern
- Ermöglicht Selektion in der Imkerei Erblichkeit?
- VHS oder SMR: Die Varroa-Resistenzmerkmale endlich erklärt
6. Genetisches Erbe der Bienen in Europa
Abb. 9 : eine Biene der Rasse Carnica |
6.1 Genetische Vielfalt und RassengruppenEuropäische Bienen gehören zu verschiedenen Rassengruppen, die aus unterschiedlichen evolutionären Linien hervorgegangen sind. Diese Vielfalt stellt ein wichtiges genetisches Erbe dar. Innerhalb einer Rasse können Merkmale stark variieren. Zudem kann gezielte Selektion bestimmte Eigenschaften spürbar verändern. |
Vergleiche zwischen Rassen müssen daher vorsichtig interpretiert werden, da:
- Umweltbedingungen die Ausprägung der Merkmale beeinflussen,
- selektierte Linien vom ursprünglichen Rassetyp abweichen können.
Morphologische, physiologische und verhaltensbezogene Analysen zeigen, dass Carnica-Bienen (Abb. 9) und Ligustica relativ nahe verwandt sind. Mellifera- und Caucasica-Bienen gehören anderen Rassengruppen an.
6.2 Mellifera-Biene (Apis mellifera mellifera)
Die Mellifera-Biene, oder europäische Schwarze Biene, repräsentiert eine Linie, die historisch an die Bedingungen Westeuropas angepasst ist. Heute gilt sie weltweit als gefährdet. In der Schweiz wird ihre Erhaltung durch spezialisierte Organisationen gesichert. Die Erhaltung dieser Rasse zielt auf:
- den Erhalt einer lokalen genetischen Vielfalt,
- die Anpassung an regionale Klimabedingungen,
- die Bewahrung eines historischen imkerlichen Erbes.
6.3 Carnica-Biene (Apis mellifera carnica)
Die Carnica ist in Mittel- und Osteuropa weit verbreitet. Sie wird fast ausschliesslich in Deutschland und Österreich gezüchtet. Bestimmte Linien, wie Sklenar, Troisek und Peschetz, stammen aus strukturierten Selektionsprogrammen. Die internationale Verbreitung der Carnica resultiert zu einem grossen Teil aus ihren in der modernen Imkerei gesuchten Eigenschaften.
6.4 Caucasica-Biene (Apis mellifera caucasica)
Die Kaukasische Biene zeichnet sich insbesondere aus durch:
- einen Kubitalindex unter 2,2,
- eine reichliche Verwendung von Propolis,
- Männchen mit einer dunklen bis schwarzen Thoraxbehaarung.
Sie weist morphologische Merkmale auf, die der Carnica nahe sind, gehört jedoch zu einer eigenständigen Rassengruppe.
6.5 Kreuzungen und genetische Effekte
Kreuzungen zwischen genetisch weit entfernten Rassen können einen Heterosis-Effekt auslösen. Dieser Effekt kann sich äussern durch:
- eine erhöhte Vitalität,
- eine verstärkte Verteidigungsfähigkeit.
Gleichzeitig können auch unerwünschte Effekte auftreten, insbesondere eine ausgeprägte Aggressivität. Das Management von Kreuzungen erfordert daher:
- eine rigorose Planung,
- eine Kontrolle der Begattung,
- eine sorgfältige Bewertung der Nachkommen.
6.6 Herausforderungen für den Züchter
Das Management des genetischen Erbes betrifft nicht nur die individuelle Leistung der Völker. Es umfasst:
- die Erhaltung angepasster Linien,
- die Begrenzung unkontrollierter Kreuzungen,
- die kollektive Verantwortung für den Erhalt strukturierter Rassen.
Das genetische Erbe bildet die Grundlage jeder langfristigen Selektionsstrategie.
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7. Organisation der Königinnenzüchter
Abb. 10 : Die Zuchtpyramide. Einige sehr engagierte Imker wählen die bestmöglichen Zuchtmütter aus, lassen die jungen Königinnen gezielt auf den Belegstellen A mit geeigneten Drohnen begatten und unterziehen die gewonnenen begatteten Königinnen der Kontrolle in Testständen. |
7.1 Zucht als kollektiver AnsatzGezielte Zucht kann nur dann nachhaltige Ergebnisse liefern, wenn sie in eine strukturierte Organisation eingebettet ist. Isolierte Arbeit weist mehrere Grenzen auf:
Die kollektive Organisation ermöglicht es, diese Grenzen zu überwinden, indem sie koordiniert:
Selektion wird damit zu einem gemeinsamen Projekt statt zu einer individuellen Initiative. |
7.2 Gemeinsame Definition der Ziele
Eine Züchterorganisation legt klare, gemeinsame Kriterien fest. Diese Kriterien können umfassen:
- Sanftmut,
- Verhaltensstabilität,
- geringe Schwarmneigung,
- Ertrag,
- Krankheitsresistenz.
Die Harmonisierung der Kriterien gewährleistet die Vergleichbarkeit der Ergebnisse zwischen Betrieben. Ohne gemeinsame Definition bleiben Bewertungen subjektiv und nicht kumulierbar.
7.3 Belegstellen und genetische Kontrolle
Belegstellen bilden eine zentrale Säule des kollektiven Systems. Sie ermöglichen:
- die geografische Isolation der Königinnen während der Begattungszeit,
- die Kontrolle der Herkunft der Drohnenvölker,
- die Vermeidung unerwünschter Kreuzungen.
Der Erhalt selektierter Drohnenvölker sichert die genetische Kohärenz des Programms. Die Führung einer Belegstelle erfordert:
- eine strenge Auswahl der drohnenproduzierenden Völker,
- eine logistische Koordination,
- kollektive Disziplin.
7.4 Strukturiertes Testen und Anonymisierung
Die kollektive Bewertung beruht auf einem Testsystem. Die Königinnen werden anonymisiert an die Tester verteilt. Diese Anonymisierung gewährleistet:
- Objektivität,
- keinen persönlichen Einfluss,
- verlässliche Bewertungen.
Die Daten werden zentralisiert, verglichen und analysiert. Dieser Prozess ermöglicht:
- die Identifikation überlegener Linien,
- das Ausscheiden unzureichender Linien,
- die Ausrichtung künftiger Entscheidungen.
7.5 Rückverfolgbarkeit und Verantwortung
Die Rückverfolgbarkeit ist ein wesentliches Element des Systems. Jede Königin muss verknüpft werden können:
- mit ihrer mütterlichen Linie,
- mit ihrer Belegstelle,
- mit ihren Testergebnissen.
Diese Transparenz stärkt:
- die Glaubwürdigkeit des Programms,
- die Qualität der Selektionsentscheidungen,
- die Erhaltung des genetischen Erbes.
Jeder teilnehmende Züchter trägt eine kollektive Verantwortung:
- die festgelegten Kriterien einzuhalten,
- die Qualität der Völker zu sichern,
- unkontrollierte Kreuzungen zu vermeiden.
7.6 Kontinuität über Generationen
Genetischer Fortschritt ist nicht innerhalb einer einzigen Generation sichtbar. Er erfordert:
- Kontinuität der Ziele,
- methodische Konstanz,
- dauerhafte Kooperation.
Die institutionelle Organisation garantiert diese zeitliche Stabilität. Gezielte Zucht wird damit zu einem kollektiven Engagement zugunsten:
- der Qualität der Bienen,
- der Verhaltensstabilität,
- der Anpassung an regionale Bedingungen.
Mehr erfahren :
- Die Zuchtbetreuer
- Merkblatt : 4.7 Bewertung und Selektion von Völkern
- Grundsätze und Methoden der Königinnenzucht
8. Schlussfolgerung
Die Königinnenzucht beruht auf klaren biologischen Prinzipien: natürliche Schwarmneigung, Reaktion auf Weisellosigkeit, Mehrfachbegattung und die besondere genetische Vererbung bei Bienen. Diese natürlichen Mechanismen bilden die Grundlage, auf der der Züchter gezielt eingreift.
Das Verständnis der Vererbung, die Steuerung der Begattung und die objektive Leistungsbewertung ermöglichen es, einen spontanen biologischen Prozess in ein strukturiertes Selektionsprogramm zu überführen. Genetischer Fortschritt ergibt sich nicht aus einer isolierten Massnahme, sondern aus kohärenter und wiederholter Arbeit über mehrere Generationen.
Die Erhaltung des europäischen genetischen Erbes und der Erhalt an lokale Bedingungen angepasster Rassen erfordern eine kollektive Organisation und eine enge Zusammenarbeit zwischen Züchtern. Belegstellen, Testen und Rückverfolgbarkeit der Linien gewährleisten die Kontinuität und Zuverlässigkeit der Zuchtarbeit.
Gezielte Zucht stellt damit ein langfristiges Engagement zugunsten leistungsfähiger, ausgewogener und an die aktuellen Anforderungen der Imkerei angepasster Völker dar. Sie verbindet Biologie, methodische Strenge und kollektive Verantwortung im Dienst der Bienenqualität.
Quelle: Diese Zusammenfassung ist vom Buch « L'apiculture - Une Fascination » , Société Romande d'Apiculture inspiriert



