Das Bienenvolk im Umgang mit der Varroa: Resistenz, Resilienz und Grenzen der Zucht
Die Resistenz der Bienen gegen die Varroamilbe lässt sich weder auf ein einziges Merkmal noch auf eine Abkürzung wie VSH oder MNR reduzieren. Dieser Artikel bietet einen klaren und differenzierten Überblick über die derzeit diskutierten Mechanismen und zeigt auf, warum im Bienenstand letztlich die Fähigkeit eines Bienenvolkes entscheidend ist, das Wachstum des Parasiten nachhaltig einzudämmen und die Saison besser zu überstehen.
0. Einleitung: Eine Frage, die sich nicht auf ein Kürzel reduzieren lässt
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Jede Imkerin und jeder Imker, die sich für Zucht interessieren, begegnet früher oder später Begriffen wie VSH, MNR oder DMR. Diese Kürzel kursieren in Fachzeitschriften, in Zuchtprogrammen und sogar in Gesprächen am Bienenstand. Sie erwecken mitunter den Eindruck, es gäbe Bienen, die grundlegend anders seien als andere – Bienen, die dem Varroa-Acarien dank eines präzisen, messbaren und vererbbaren Mechanismus «widerstehen» könnten. Die Wirklichkeit ist zugleich differenzierter und interessanter.
Was die neuere wissenschaftliche Literatur nach und nach gezeigt hat, ist, dass kein einzelnes Merkmal ausreicht, um zu erklären, warum manche Völker die Ausbreitung des Parasiten besser eindämmen als andere. Was letztlich zählt, ist eine Dynamik: die Fähigkeit eines Volkes, das Wachstum der Varroamilbenpopulation im Verlauf der Saison dauerhaft zu bremsen und die Einwinterung in einem noch lebensfähigen Zustand zu erreichen. Die dazu beitragenden Mechanismen sind vielfältig, teilweise miteinander verknüpft, und keiner davon stellt für sich allein eine Lösung dar.
Dieser Artikel bietet einen Überblick über den aktuellen Wissensstand zu dieser Frage, für Imkerinnen und Imker, die verstehen möchten, worum es wirklich geht – ohne unzulässige Vereinfachungen, aber auch ohne unnötigen Fachjargon. Er stützt sich auf mehrere neuere Referenzarbeiten (Guichard et al., 2020; Mondet et al., 2020; Sprau et al., 2024; Scaramella et al., 2023; von Virag et al., 2022) und unterscheidet, soweit möglich, zwischen gesicherten Erkenntnissen, noch diskutierten Befunden und dem, was eher als vielversprechender Ansatz denn als abgeschlossener Nachweis zu betrachten ist.
1. Resistenz, Toleranz, Resilienz: drei Begriffe für unterschiedliche Sachverhalte
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Bevor wir uns den Mechanismen zuwenden, müssen die Begriffe geklärt werden. In der Imkerpresse wie in Gesprächen in der Praxis werden die Begriffe Resistenz, Toleranz und Resilienz häufig so verwendet, als bezeichneten sie dasselbe. Das ist nicht der Fall, und diese Verwechslung hat reale praktische Konsequenzen.
Resistenz bezeichnet die Mechanismen, durch die ein Volk die Parasitenbelastung aktiv reduziert oder die Vermehrung der Varroamilbe hemmt. Ein resistentes Volk erleidet den Befall also nicht lediglich besser: Es wirkt – direkt oder indirekt – auf den Reproduktionserfolg des Parasiten ein.
Toleranz beschreibt etwas anderes. Ein tolerantes Volk kann eine relativ hohe Parasitenbelastung ertragen, ohne sofort zusammenzubrechen. Es kontrolliert den Parasiten nicht notwendigerweise gut, puffert die Schäden jedoch besser ab – etwa durch ein besseres Management des Virusdrucks oder durch andere kompensatorische Mechanismen, die noch nicht vollständig verstanden sind. Ein Volk, das trotz hohen Befallsgrads «durchhält», ist also nicht zwangsläufig eine gute genetische Quelle für die Zucht, wenn dieses Überleben auf Toleranz und nicht auf einer tatsächlichen Hemmung der Parasitenausbreitung beruht (Guichard et al., 2020; Mondet et al., 2020).
Resilienz schließlich ist ein weiterer Begriff. Er kann hier verstanden werden als die Fähigkeit eines Volkes, einem Parasitenbefall standzuhalten, seine funktionellen Auswirkungen – auf Demografie, Produktion, Vitalität und Überwinterungserfolg – zu begrenzen und im Verlauf der Saison zu einem lebensfähigen Funktionszustand zurückzufinden. Der Begriff ist nützlich, eben weil er die Aufmerksamkeit auf das Endergebnis lenkt, anstatt auf einen einzelnen Mechanismus.
Warum ist diese Unterscheidung am Bienenstand relevant? Weil ein Volk, das überlebt, nicht notwendigerweise eines ist, das den Parasiten gut kontrolliert. Wer ausschließlich nach jährlichem Überleben selektiert, läuft Gefahr, unterschiedslos tatsächlich resistente Völker und vor allem tolerante Völker beizubehalten – obwohl diese beiden Profile langfristig nicht die gleichen Konsequenzen für den eigenen Bienenstand und für Nachbarbienenstände haben. Neuere Arbeiten betonen genau diesen Punkt: Überleben reicht nicht aus, um zu beurteilen, wie ein Volk mit dem Parasiten umgeht (Guichard et al., 2020; Mondet et al., 2020).
Ein letztes Wort zum Begriff Immunität. Er wird in imkerlichen Diskussionen gelegentlich in Analogie zu Säugetieren verwendet. Es ist besser, ihn hier zu vermeiden: Die Abwehrmechanismen von Apis mellifera gegenüber Varroa destructor beruhen nicht auf adaptiver Immunität im strengen Sinne. Von Verhaltensresistenz, von Abwehrmechanismen des Volkes zu sprechen oder die betreffenden Merkmale direkt zu benennen, ist präziser und weniger irreführend.
2. Die diskutierten Mechanismen: Verhaltensweisen, Ergebnisse, Brutmerkmale
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Die Literatur unterscheidet heute mehrere Wirkungsebenen, die nicht miteinander verwechselt werden dürfen: Manche Begriffe beschreiben ein Verhalten der Arbeiterinnen, andere ein beobachtetes Ergebnis auf die Reproduktion der Varroamilbe, wieder andere Eigenschaften der Brut. Gerade weil diese Ebenen häufig vermischt wurden, erscheint die Diskussion manchmal verwirrend (Guichard et al., 2020; Sprau et al., 2024).
2.1 VSH: ein Verhalten, kein Ergebnis
VSH (Varroa Sensitive Hygiene) bezeichnet ein gezieltes Hygieneverhalten: Arbeiterinnen erkennen befallene verdeckelte Brut, entdeckeln die Zelle und entfernen anschließend die Nymphe oder die Milbe. Dieses Verhalten wirkt direkt dort, wo sich der Parasit fortpflanzt, was sein Interesse in der Forschung und in Zuchtprogrammen erklärt (Panziera et al., 2017; Guichard et al., 2020).
VSH bleibt jedoch ein Verhalten – keine Garantie für Resistenz allein. Ein Volk mit einem guten VSH-Testergebnis weist nicht automatisch eine niedrige Befallsdynamik im Verlauf der Saison auf. Das Verhalten kann vorhanden sein, ohne dass sein Effekt ausreicht, oder ohne dass es sich unter realen Bedingungen am Bienenstand mit gleicher Intensität zeigt. Ein VSH-Score darf daher nicht mit dem tatsächlichen Ergebnis auf die Parasitenausbreitung gleichgesetzt werden.
2.2 MNR und DMR: Messen, was man beobachtet, ohne die Ursache vorwegzunehmen
MNR (Mite Non-Reproduction) und DMR (Decreased Mite Reproduction) beschreiben hingegen ein beobachtetes Ergebnis: einen hohen Anteil von Milben, die in den untersuchten Zellen keine normale Nachkommenschaft produzieren. Diese Begriffe sind nützlich, eben weil sie das Phänomen beschreiben, ohne eine einzige Ursache zu postulieren.
Eine hohe MNR-Rate kann den Effekt eines VSH-artigen Verhaltens widerspiegeln, Eigenschaften der Brut selbst, Faktoren, die mit der Milbe zusammenhängen, oder eine Kombination dieser Elemente. Das ist eine wesentliche Unterscheidung: VSH benennt ein Verhalten, MNR benennt das, was man nachträglich in den Zellen beobachtet. Beide können zusammenhängen, sind aber weder Synonyme noch systematisch miteinander korreliert (Eynard et al., 2020; Sprau et al., 2024).
DMR wurde vorgeschlagen, um die Terminologie weiter zu präzisieren. Es ersetzt oder präzisiert den älteren Begriff SMR (Suppressed Mite Reproduction), der als zu mechanistisch suggestiv galt, da das Wort «Suppression» nahelegte, ein einziger aktiver Prozess sei zwingend im Spiel. DMR erlaubt es, neutraler von einer verminderten Reproduktion des Parasiten zu sprechen, unabhängig von deren Ursache (von Virag et al., 2022).
2.3 SMR, MNR, DMR: Warum sich die Bezeichnungen geändert haben
Der Begriff SMR wurde lange verwendet, um eine Reduktion des Reproduktionserfolgs der Varroamilbe zu bezeichnen. Er wurde nach und nach durch MNR und DMR ersetzt, aus zwei Gründen. Erstens, weil das Wort «Suppression» einen präzisen Mechanismus suggerierte, wo in Wirklichkeit verschiedene Ursachen zum selben Ergebnis führen können. Zweitens, weil die neueren Begriffe besser zwischen dem Messbaren – einem beobachteten Phänotyp – und dem unterscheiden, was ihn verursacht.
Für Imkerinnen und Imker, die ältere Studien oder Zuchtunterlagen lesen, ergibt sich daraus eine einfache Aufmerksamkeit: Wenn der Begriff SMR auftaucht, sollte man prüfen, was die Autoren damit genau meinen. Je nach Epoche und Kontext hat er nicht immer dieselbe Realität bezeichnet.
2.4 Recapping: ein assoziiertes Verhalten, das jedoch schwieriger zu interpretieren ist
Recapping bezeichnet das Öffnen einer verdeckelten Zelle durch Arbeiterinnen, gefolgt von deren Wiederverschließung, ohne systematische Entfernung der Nymphe. Dieses Verhalten wird regelmäßig in Populationen oder Linien beobachtet, die als resistenter gelten, und mehrere Arbeiten zeigen, dass es eine messbare Erblichkeit aufweist (Gabel et al., 2023).
Seine Interpretation bleibt jedoch heikler als jene des VSH. Je nach Studie kann Recapping mit höherer Resistenz assoziiert sein, kann aber auch eine Reaktion auf einen stärkeren Parasitenbefall widerspiegeln. Mit anderen Worten: Seine Häufigkeit kann manchmal eine nützliche Wachsamkeit signalisieren, manchmal einen starken Befall. Der Zusammenhang mit einer tatsächlichen Reduktion der Varroareproduktion ist in einigen Studien dokumentiert (Morin & Giovenazzo, 2023), aber sein eigenständiges Gewicht, unabhängig von anderen Mechanismen, ist schwer zu isolieren. Zu diesem Zeitpunkt erscheint es daher sinnvoll, ihn als ergänzenden Indikator zu betrachten, aber nicht als alleiniges Hauptkriterium in der Zucht.
2.5 Brutmerkmale: eine oft unterschätzte Ebene
Einer der wichtigsten Beiträge neuerer Arbeiten ist der Nachweis, dass Resistenz nicht nur im Verhalten der erwachsenen Bienen entschieden wird. Eigenschaften der Brut selbst – Dauer der Verdeckelungsphase, chemische Zusammensetzung, olfaktorische Signale oder andere physiologische Eigenschaften – können den Reproduktionserfolg der Varroamilbe beeinflussen.
Scaramella et al. (2023) haben anhand natürlich überlebender Populationen in Skandinavien und Frankreich gezeigt, dass bestimmte Brutmerkmale dazu beitragen können, den Reproduktionserfolg der Varroamilbe zu reduzieren – unabhängig von dem, was allein durch das Verhalten der erwachsenen Bienen erklärt werden würde. Diese Beobachtung verändert das Verständnis des Problems grundlegend: Sie zwingt dazu, anzuerkennen, dass MNR oder DMR auf mehreren verschiedenen biologischen Wegen entstehen können – und nicht nur als Nebenprodukt von VSH.
Für die Imkerin und den Imker bedeutet das: Eine Resistenzbewertung, die sich ausschließlich auf das sichtbare Verhalten der Arbeiterinnen stützt, erfasst möglicherweise einen wichtigen Teil des Bildes nicht.
3. Zusammenhängende Mechanismen – aber kein Wundermerkmal
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Die Kernaussage der neueren Literatur lässt sich so zusammenfassen: Die Mechanismen, die zur Varroaresistenz beitragen, sind teilweise miteinander verknüpft, aber keiner davon reicht allein aus, um das Verhalten eines Volkes gegenüber dem Parasiten zu erklären.
Mehrere Arbeiten zeigen, dass VSH und MNR weder Synonyme sind noch systematisch miteinander korrelieren. Ein Volk kann ein ausgeprägtes Hygieneverhalten zeigen, ohne automatisch einen hohen Anteil nicht reproduzierender Varroamilben aufzuweisen – und umgekehrt (Eynard et al., 2020; Sprau et al., 2024). Das bedeutet nicht, dass VSH wirkungslos wäre. In bestimmten Linien trägt es nachweislich dazu bei, den Reproduktionserfolg des Parasiten zu begrenzen. Aber die Beziehung ist weder allgemeingültig noch für sich allein hinreichend.
Die Arbeiten zu Brutmerkmalen fügen eine weitere Dimension hinzu: Die Reduktion des Reproduktionserfolgs der Varroamilbe kann von einer Ebene ausgehen, die VSH nicht abdeckt. Und Recapping, obwohl erblich und in einigen Studien mit Resistenz assoziiert, zeigt je nach Population und Beurteilungskontext variable Ergebnisse (Gabel et al., 2023; Guichard et al., 2020).
Die sich aufdrängende Schlussfolgerung ist daher einfach: Die Resistenz der leistungsfähigsten Völker scheint aus einer Kombination von Mechanismen zu entstehen – verhaltensbiologischen, brutbezogenen, die Wirt-Parasit-Interaktion betreffenden – und nicht aus einem dominierenden Merkmal. Genau deshalb rücken die zurzeit rigorosesten Ansätze von Erklärungen mit einem einzigen Merkmal ab und messen Merkmalskombinationen und tatsächlichen Ergebnissen auf Volksebene mehr Bedeutung bei (Guichard et al., 2020; Sprau et al., 2024).
Für Imkerinnen und Imker, die ihre Völker beurteilen, hat das eine direkte Konsequenz: Ein Volk mit einem guten Score für ein einzelnes Merkmal ist nicht notwendigerweise ein resistentes Volk. Was es zu betrachten gilt, ist die Gesamtdynamik.
4. Was wirklich zählt: das Wachstum der Varroamilbe auf Volksebene bremsen
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Auf der Ebene des Bienenstands ist das relevanteste Kriterium nicht das isolierte Vorhandensein eines Verhaltensmerkmals, sondern die Fähigkeit eines Volkes, das Wachstum der Varroamilbenpopulation im Verlauf der Saison dauerhaft zu verlangsamen. Dieser Punkt verbindet die oben beschriebenen Mechanismen am stärksten mit einem biologisch und imkerlich relevanten Ergebnis: weniger Parasitenverbreitung, weniger Virusdruck – insbesondere weniger DWV – und bessere Chancen, die Einwinterung mit einem noch funktionsfähigen Volk zu erreichen.
Die in Europa beschriebenen natürlich überlebenden Populationen gehen in diese Richtung. In Norwegen haben Völker, die über mehr als 17 Jahre ohne Behandlung beobachtet wurden, gezeigt, dass dauerhaftes Überleben durch natürliche Selektion entstehen kann, wobei ein reduzierter Reproduktionserfolg der Varroamilbe der entscheidende Faktor war (Oddie et al., 2017). In Schweden wiesen überlebende Völker der Gotland-Studie ebenfalls Eigenschaften auf, die mit einer ausgewogeneren Wirt-Parasit-Beziehung vereinbar sind, darunter eine verminderte Reproduktion der Milbe (Locke & Fries, 2011). Diese Beispiele liefern keine direkt übertragbaren Rezepte, zeigen aber, dass eine andere Dynamik biologisch möglich ist.
Experimentelle Selektionsarbeiten bestätigen das Interesse dieses Kriteriums auf Volksebene. De La Mora et al. (2024) selektierten über drei Generationen hinweg divergierende Linien auf das Wachstum der Varroamilbenpopulation. Unter ihren Versuchsbedingungen wiesen die auf niedrige Parasitenentwicklung selektierten Linien Befallsgrade auf, die rund 90 % niedriger lagen als bei den entgegengesetzten Linien – begleitet von reduzierten DWV-Werten und einem besseren Überwinterungserfolg. Dieses Ergebnis ist bedeutsam, weil es zeigt, dass ein auf Volksebene gemessenes Kriterium mehrere Teilmechanismen wirksamer integriert als ein einzelner Verhaltensmarker.
Diese Perspektive hilft auch, eine häufige Verwechslung zu vermeiden: Überleben mit guter Parasitenkontrolle gleichzusetzen. Ein Volk kann trotz starkem Parasitenbefall eine gewisse Zeit standhalten – durch Toleranz, durch ein vorübergehendes Gleichgewicht oder schlicht, weil die Bedingungen zeitweise günstig waren. Das reicht nicht aus, um es als gutes Selektionsmodell zu betrachten. Aus einer rigorosen imkerlichen Perspektive ist der entscheidende Punkt also nicht nur, dass ein Volk überlebt, sondern dass es dies tut, indem es die Ausbreitung der Varroamilbe auf einem niedrigeren und dauerhafteren Niveau hält.
Für Imkerinnen und Imker, die ihre Völker beobachten, lenkt das die Aufmerksamkeit auf konkrete Kriterien: den Verlauf des Befallsgrades im Laufe der Saison, die Unterschiede zwischen Völkern desselben Bienenstands und die Fähigkeit, ohne späte Notbehandlung durch den Winter zu kommen. Diese Daten ersetzen keine Verhaltenstests, geben aber ein direkteres Bild davon, was tatsächlich vor sich geht.
5. Was Selektion wirklich kann – und wo ihre Grenzen liegen
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Selektion auf verbesserte Varroaresistenz ist ein ernst zu nehmender Ansatz. Er muss jedoch mit einer Vorsicht dargestellt werden, die den verfügbaren Daten angemessen ist – und diese Daten sind zugleich ermutigend und differenziert.
5.1 Reale Fortschritte, aber langsame
Mehrere Jahrzehnte Zuchtprogramme haben echte Fortschritte im Verständnis der Mechanismen und bei der Identifizierung leistungsfähigerer Linien ermöglicht. Studien an nordischen Überlebendpopulationen, Arbeiten zur divergenten Selektion und laufende Genomanalysen zeigen, dass Resistenz ein heritierbares und selektierbares Merkmal ist (Guichard et al., 2020; Mondet et al., 2020).
Doch dieselben Übersichtsarbeiten stimmen auch in einem Punkt überein: Trotz dieser Fortschritte war es nicht möglich, das Varroaproblem allein durch Resistenzmerkmale «zu lösen». Das bedeutet nicht, dass Selektion scheitert, sondern dass sie in einem biologisch komplexen, stark kontextabhängigen Rahmen voranschreitet und ihre Wirkungen sich eher im langen Zeithorizont als im Maßstab der nächsten Saison entfalten.
5.2 Das erste Hindernis: die Schwierigkeit der Messung
Die am meisten diskutierten Merkmale – insbesondere VSH und MNR – sind aufwändig zu messen. Sie erfordern aufwendige Protokolle, sorgfältige Beobachtungen und standardisierte Bewertungsbedingungen. Eine neuere Studie zur getrennten Selektion auf MNR und VSH hat eine hohe Varianz in den Folgegenerationen sowie einen erheblichen Zeitaufwand für die Bewertung aufgezeigt, was den groß angelegten Einsatz in praktischen Programmen einschränkt (Sprau et al., 2024).
Konkret bedeutet das, dass diese Marker für einzelne Züchter oder kleine Strukturen schwer nutzbar bleiben und ihr Nutzen stark von den verfügbaren Mitteln für eine korrekte Messung abhängt.
5.3 Das zweite Hindernis: die biologische Wiederholbarkeit
Indikatoren, die auf der Varroamilbenreproduktion basieren, weisen auch Einschränkungen hinsichtlich der Wiederholbarkeit auf. Die Ergebnisse werden nicht automatisch robuster, wenn man die Anzahl der untersuchten Zellen erhöht oder die Brutart wechselt. Die Bewertung des DMR zeigt Variabilitäten, die nicht nur auf Meßfehler zurückzuführen sind, sondern auf die Biologie selbst: Die Reproduktion der Varroamilbe hängt auch von Umwelt- und Saisonfaktoren sowie von der Zusammensetzung der Milbenpopulation im Volk ab (von Virag et al., 2022).
Mit anderen Worten: Ein zu einem bestimmten Zeitpunkt erzieltes gutes Ergebnis reicht nicht aus, um ein Volk als dauerhaft resistent einzustufen.
5.4 Der Mehrmerkmalsansatz: Versprechen und Wirklichkeit
Mehrere Kriterien zu kombinieren – VSH, MNR, Recapping, Brutmerkmale, Befallsdynamik – ist konzeptionell solider, als sich auf einen einzigen Marker zu konzentrieren. Dieser Ansatz hat jedoch praktische Grenzen: Er vervielfacht den Bewertungsaufwand, setzt kohärente Protokolle zwischen verschiedenen Bewertern voraus und erfordert eine Zuchtinfrastruktur, die nicht jedem zugänglich ist.
Die Arbeiten von Sprau et al. (2024) veranschaulichen diese Spannung gut: Selbst in einem ressourcenstarken Forschungsrahmen lieferte die getrennte Selektion auf MNR und VSH variable Ergebnisse und erforderte erhebliche Investitionen. Das macht den Mehrmerkmalsansatz nicht ungültig, verbietet es aber, ihn als einfache und für jedes Zuchtprogramm unmittelbar verfügbare Lösung darzustellen.
Selektion auf das Wachstum der Varroamilbenpopulation, wie sie von De La Mora et al. (2024) erprobt wurde, bietet hier einen besonders interessanten Ansatz: Statt komplexe Verhaltensweisen zu messen, konzentriert sie sich auf das Gesamtergebnis, das den Effekt mehrerer Mechanismen integriert. Die Ergebnisse sind vielversprechend, müssen aber noch in größerem Maßstab und in unterschiedlichen Kontexten bestätigt werden.
5.5 Selektion findet nicht im luftleeren Raum statt
In Gebieten mit hoher Bienenstandsdichte kann das Umfeld den Selektionsfortschritt auf zwei Wegen verlangsamen oder verwischen: durch Paarung im Freien mit Drohnen aus nicht selektierten Völkern und durch Rückinvasion von Varroamilben aus Nachbarbienenständen. Das macht Selektion nicht unmöglich, erschwert aber deren Interpretation erheblich und unterstreicht den Wert von Belegstationen, Zuchtnetzwerken und einer auf lokaler Ebene abgestimmten Gesundheitsführung.
5.6 Was Selektion realistischerweise versprechen kann
Die heute am besten vertretbare Aussage lautet: Selektion ist ein realer Hebel, aber ihre Wirkungen entfalten sich im langen Zeitraum. Sie kann die durchschnittliche Robustheit der Völker eines Bienenstands oder eines Programms schrittweise verbessern, die Behandlungsabhängigkeit verringern und zu Populationen beitragen, die besser an den Parasitenbefall ihrer Umgebung angepasst sind. Sie ist jedoch kurzfristig kein Ersatz für eine konsequente Gesundheitsführung.
Selektion als das Versprechen darzustellen, Bienen zu erzeugen, die keine Behandlung mehr benötigten, würde mehr versprechen, als die Literatur heute zu belegen erlaubt. Das wäre auch potenziell gefährlich: Völker, die in einer Übergangsphase unzureichend behandelt werden, können zusammenbrechen und zu Reinvasionsherden für benachbarte Bienenstände werden.
6. Praktische Konsequenzen: Was das alles am Bienenstand ändert
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Nach Konzepten und Forschungsergebnissen ist es Zeit, zum Bienenstand zurückzukehren. Was ändert diese Diskussion wirklich für die Imkerin und den Imker?
Die Dynamik beurteilen, nicht ein einzelnes Merkmal. Wer die interessantesten Völker identifizieren möchte, gewinnt oft mehr aus dem Verfolgen des Befallsgradverlaufs über die Saison als aus einem punktuellen Test für ein einzelnes Verhalten. Völker, die Ende Sommer einen niedrigeren Befallsgrad aufweisen als vergleichbare Völker desselben Bienenstands, sind interessante Kandidaten – unabhängig davon, welche Kombination von Mechanismen dazu beiträgt.
Kollektive Selektion ist robuster als isolierte Selektion. Auch die Wahl des Umfelds spielt eine Rolle. Eine Imkerin oder ein Imker, die oder der seine Völker selektieren möchte, arbeitet nicht im luftleeren Raum. In Gebieten mit hoher Bienenstandsdichte, mit Freilandpaarung, häufiger Rückinvasion oder sehr unterschiedlichen Gesundheitspraktiken von Stand zu Stand, wird die korrekte Interpretation der Ergebnisse schwieriger. Für eine besser lesbare Selektion empfiehlt es sich daher, in einem möglichst kohärenten Umfeld zu arbeiten – idealerweise innerhalb eines koordinierten lokalen Netzwerks.
Überleben allein reicht nicht. Ein Volk, das den Winter überlebt, hat das nicht notwendigerweise dank guter Varroa-Kontrolle geschafft. Der Befallsgrad vor und nach der Überwinterung, der sichtbare Virusdruck und die Vitalität des Volkes im Frühling liefern unverzichtbare Zusatzinformationen.
Misstrauen Sie Versprechen ohne Daten. Eine als «resistent» beworbene Linie sollte idealerweise durch Beobachtungen über mehrere Saisons und unter Bedingungen dokumentiert sein, die mit den eigenen vergleichbar sind. Ein gutes Ergebnis in einem einzigen Test reicht nicht aus, um dauerhafte Resistenz unter Feldbedingungen zu belegen.
Kollektive Selektion ist robuster als isolierte Selektion. Programme, die mehrere Bienenstände, mehrere Bewerter und mehrere Jahre umfassen, liefern in der Regel solidere Ergebnisse als rein individuelle Ansätze. Für eine Imkerin oder einen Imker erhöht die Teilnahme an einem Bewertungs- oder Zuchtnetzwerk die Qualität der Beobachtungen und verringert das Risiko, einen Einzelfall fälschlicherweise als allgemeinen Beweis zu interpretieren.
Gesundheitsführung bleibt in der Übergangsphase unverzichtbar. Auch im Rahmen einer auf Resistenzselektion ausgerichteten Vorgehensweise bleiben die Kontrolle der Befallsgrade und notwendige Behandlungen kurzfristig unerlässlich. Behandlungen zu früh zu reduzieren, bevor im eigenen Bienenstand eine dokumentierte Resistenz tatsächlich festgestellt wurde, gefährdet nicht nur die eigenen Völker, sondern auch die Bienenstände in der Nachbarschaft.
7. Fazit: Zwischen Resistenz, Resilienz und imkerlicher Betriebsführung
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Die Diskussion über Varroaresistenz lässt sich nicht mehr auf die Gegenüberstellung zweier Kürzel oder auf die Suche nach einem einzigen Merkmal reduzieren. Neuere Arbeiten konvergieren zu einer anspruchsvolleren, aber auch nützlicheren Lektüre: VSH beschreibt ein Verhalten der Arbeiterinnen, MNR und DMR beschreiben ein beobachtetes Ergebnis zur Reproduktion der Milbe, und diese Elemente können sich überschneiden, ohne gleichwertig oder systematisch korreliert zu sein (Guichard et al., 2020; Sprau et al., 2024; von Virag et al., 2022).
Einer der wichtigsten Erkenntnisgewinne der letzten Jahre besteht darin, den Fokus vom isolierten Merkmal auf das Volk als funktionale Einheit verlagert zu haben. Was letztlich zählt, ist die Fähigkeit eines Volkes, das Wachstum der Varroamilbenpopulation dauerhaft zu bremsen und im Verlauf der Saison und der Überwinterung ausreichend lebensfähig zu bleiben. Diese Perspektive wird noch durch Arbeiten gestärkt, die zeigen, dass bestimmte Auswirkungen auf die Reproduktion des Parasiten von der Brut selbst ausgehen können, ohne vollständig durch das Verhalten der erwachsenen Bienen erklärbar zu sein (Scaramella et al., 2023).
Es gibt heute kein Wundermerkmal. Recapping, VSH, MNR oder DMR sind nützliche Elemente für die Forschung, für Zuchtprogramme und für den Vergleich von Völkern. Aber keines davon erlaubt es allein, eine dauerhafte Resistenz am Bienenstand zu erklären oder zu garantieren. Die Resistenz der leistungsfähigsten Völker scheint aus einer Kombination von Teilmechanismen zu entstehen, die je nach Linie, Population und Kontext variieren (Guichard et al., 2020; Sprau et al., 2024; Scaramella et al., 2023).
Selektion bleibt daher ein glaubwürdiger und notwendiger Ansatz, muss aber mit Maß dargestellt werden. Die verfügbaren Studien zeigen sowohl ihr Potenzial als auch ihre Grenzen: aufwändige Messungen, hohe Variabilität, mitunter geringe Wiederholbarkeit und die anhaltende Schwierigkeit, einen einmaligen Test mit dem tatsächlichen Überleben am Bienenstand zu verknüpfen. Die überzeugendste Aussage ist, Selektion als langfristigen Hebel zu betrachten, der mit einer konsequenten imkerlichen Betriebsführung verbunden werden muss, und nicht als Versprechen einer einfachen oder unmittelbaren Lösung.
Angesichts von Varroa destructor geht es nicht darum, eine «immunisierte» Biene zu finden, sondern besser zu verstehen, wie bestimmte Völker den Parasiten stärker eindämmen, seine Auswirkungen besser abfedern und die Saison dauerhafter überstehen. In diesem Raum – zwischen Verhaltensresistenz, Brutmerkmalen, partieller Toleranz und Resilienz des Volkes – findet sich heute die nützlichste Diskussion, sowohl für die Wissenschaft als auch für die Imkerei.
Siehe auch:
- Varroaresistenz
- Die «resistenten» Bienen gegenüber Varroa destructor
- Merkblatt: 4.7 Völkerbeurteilung und -selektion
- Entwicklung und Dynamik der Bienen und der Varroamilbe im Jahresverlauf
- Was uns Wildvölker lehren
Literatur
De La Mora, A., Goodwin, P. H., Emsen, B., Kelly, P. G., Petukhova, T., & Guzman-Novoa, E. (2024). Selection of honey bee (Apis mellifera) genotypes for three generations of low and high population growth of the mite Varroa destructor. Animals, 14(23), Article 3537. https://doi.org/10.3390/ani14233537
Eynard, S. E., Sann, C., Basso, B., Guirao, A.-L., Le Conte, Y., Servin, B., Tison, L., Vignal, A., & Mondet, F. (2020). Descriptive analysis of the Varroa non-reproduction trait in honey bee colonies and association with other traits related to Varroa resistance. Insects, 11(8), Article 492. https://doi.org/10.3390/insects11080492
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Mondet, F., Beaurepaire, A., McAfee, A., Locke, B., Alaux, C., Blanchard, S., Danka, R. G., & Le Conte, Y. (2020). Honey bee survival mechanisms against the parasite Varroa destructor: A systematic review of phenotypic and genomic research efforts. International Journal for Parasitology, 50(6–7), 433–447. https://doi.org/10.1016/j.ijpara.2020.03.005
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Oddie, M. A. Y., Dahle, B., & Neumann, P. (2017). Norwegian honey bees surviving Varroa destructor mite infestations by means of natural selection. PeerJ, 5, e3956. https://doi.org/10.7717/peerj.3956
Panziera, D., van Langevelde, F., & Blacquière, T. (2017). Varroa sensitive hygiene contributes to naturally selected varroa resistance in honey bees. Journal of Apicultural Research, 56(5), 635–642. https://doi.org/10.1080/00218839.2017.1351860
Scaramella, N., Burke, A., Oddie, M., Dahle, B., de Miranda, J. R., Mondet, F., Rosenkranz, P., Neumann, P., & Locke, B. (2023). Host brood traits, independent of adult behaviours, reduce Varroa destructor mite reproduction in resistant honeybee populations. International Journal for Parasitology, 53(10), 565–571. https://doi.org/10.1016/j.ijpara.2023.04.001
Sprau, L., Gessler, B., Liebsch, M., Traynor, K., Rosenkranz, P., & Hasselmann, M. (2024). The selection traits of mite non-reproduction (MNR) and Varroa sensitive hygiene (VSH) show high variance in subsequent generations and require intensive time investment to evaluate. Apidologie, 55, Article 68. https://doi.org/10.1007/s13592-024-01110-7
von Virag, A., Guichard, M., Neuditschko, M., Dietemann, V., & Dainat, B. (2022). Decreased mite reproduction to select Varroa destructor (Acari: Varroidae) resistant honey bees (Hymenoptera: Apidae): Limitations and potential methodological improvements. Journal of Economic Entomology, 115(3), 695–705. https://doi.org/10.1093/jee/toac022


