Ameisen im Bienenstock: bloße Belästigung, Fehldiagnose oder echtes Problem?

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In der Schweiz kommt es häufig vor, dass Ameisen in oder auf Bienenstöcken anzutreffen sind, doch entsprechen sie im Allgemeinen nicht dem Bild eines bedeutenden Schädlings für starke Bienenvölker. Das bedeutet jedoch nicht, dass sie unbedeutend sind: Sie können zugängliche Ressourcen nutzen, bereits geschwächte Völker beeinträchtigen, die Interpretation des natürlichen Varroa-Absterbens verfälschen und zur Ökologie der Krankheitserreger rund um den Bienenstand beitragen.
1. Ameisen in der Beute : Grund zur Sorge ?
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Die Anwesenheit von Ameisen in oder auf einer Beute löst häufig spontane Besorgnis aus. Sie ruft leicht das Bild eines Schädlings, eines Räubers oder eines Parasiten der Bienen hervor. Der aktuelle Wissensstand lädt jedoch zu einer differenzierteren Betrachtung ein. In der Schweiz, wie auch im breiteren gemäßigten Europa, stützen die verfügbaren Daten nicht die Vorstellung, dass Ameisen ein wesentlicher, gut dokumentierter Schädling starker Apis mellifera-Völker seien. Die begutachtete Fachliteratur beschreibt vor allem Ameisen, die auf Beuten präsent sind, bestimmte Ressourcen nutzen oder mit der Ökologie der Krankheitserreger assoziiert sind; sie liefert jedoch keinen robusten Beleg für eine direkt quantifizierte Auswirkung auf die Produktivität, die Überlebensrate oder die Schwächung starker Völker (Dainat et al., 2011; Schläppi et al., 2020; Tiritelli et al., 2025).
Diese Unterscheidung ist wesentlich. Zu sagen, dass Ameisen in der Schweiz kein gut belegtes Hauptproblem darstellen, bedeutet nicht, dass sie stets bedeutungslos sind. Feldbeobachtungen und mehrere empirische Arbeiten zeigen, dass sie Beuten aufsuchen, bestimmte periphere Elemente als Durchgangs- oder Ansiedlungsort nutzen, zugängliche Ressourcen ausbeuten und mit Bienenpathogenen interagieren können (Schläppi et al., 2020; Tiritelli et al., 2025). Die verfügbaren europäischen Studien zeigen hingegen bislang nicht in strenger und quantifizierter Weise, dass Ameisen in gemäßigten Klimabedingungen regelmäßig Brutverluste, Produktivitätseinbußen, eine messbare Schwächung oder eine erhöhte Sterblichkeit starker Völker verursachen (Tiritelli et al., 2025).
Im schweizerischen Kontext betreffen die am besten belegten Erkenntnisse vor allem indirekte oder kontextabhängige Auswirkungen. Am solidesten in praktischer Hinsicht ist wahrscheinlich die Verzerrung, die Ameisen bei der Auswertung des natürlichen Milbenfalls einführen können: Indem sie auf der Varroaunterlage gefallene Milben entfernen, können sie zu einer Unterschätzung des beobachteten Befallsgrads führen (Dainat et al., 2011). Mehrere Arbeiten zeigen zudem, dass Ameisen, die mit Beuten assoziiert sind, Bienenviren tragen und diese mitunter zur Replikation bringen können. Dies ordnet sie klar in die Seuchenökologie des Bienenstands ein, auch wenn ihre genaue Rolle bei einer Rückübertragung auf die Bienen unter Bedingungen, die mit der Schweiz vergleichbar sind, noch nicht kausal nachgewiesen ist (Schläppi et al., 2020; Tiritelli et al., 2025).
Der Fall der Ameisen der Gattung Lasius veranschaulicht diese Differenzierung gut. In der Schweiz wurde Lasius platythorax direkt auf Beuten gesammelt, und Laborversuche zeigten, dass Lasius-Ameisen bestimmte Bienenviren über den Nahrungsweg aufnehmen können; für das Virus der akuten Bienenparalyse (Acute bee paralysis virus, ABPV) wurde bei diesen Ameisen sogar eine Replikation nachgewiesen (Schläppi et al., 2020). Mit anderen Worten: Die am Bienenstand vorhandenen Ameisen sind keine bloßen Statisten ohne biologisches Interesse. Aber die praktische Bedeutung dieser Arten als Ressourcenräuberinnen oder als direkter Schwächungsfaktor für Völker ist in gemäßigtem Europa noch schlecht quantifiziert (Schläppi et al., 2020; Tiritelli et al., 2025).
Man muss auch den umgekehrten Fehler vermeiden, der darin bestünde, den Schluss zu ziehen, dass Ameisen niemals ein echtes Problem darstellen können. In anderen Teilen der Welt, insbesondere in Systemen, die von invasiven Arten wie Linepithema humile oder Nylanderia fulva dominiert werden, wurden weit ausgeprägtere Wechselwirkungen beobachtet: intensive Nutzung von Zuckerressourcen, erhöhter Stress der Völker, höhere Viruslasten bei den Bienen und in manchen Fällen Verlassen der Beute (Dobelmann et al., 2023; Payne et al., 2020). Diese Situationen beruhen jedoch auf anderen Arten, anderen Dichten und anderen ökologischen Kontexten; sie können daher nicht automatisch auf schweizerische Bienenstände übertragen werden.
Die richtige Frage lautet daher nicht einfach: „Gibt es Ameisen in der Beute?" Sie lautet vielmehr: Was suchen sie dort, was weiß man wirklich über ihre Auswirkungen in der Schweiz, und in welchen Fällen wird ihre Anwesenheit praktisch oder biologisch relevant? Diese Frage versucht der vorliegende Artikel zu beantworten. Sein Ziel ist es weder, die Anwesenheit von Ameisen zu verharmlosen noch zu dramatisieren, sondern zu unterscheiden, was gut belegt ist, was plausibel, aber nicht bewiesen ist, und was noch einer echten Forschungslücke entspricht (Dainat et al., 2011; Dobelmann et al., 2023; Payne et al., 2020; Schläppi et al., 2020; Tiritelli et al., 2025).
2. Warum kommen Ameisen zum Bienenstand ?
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Wenn man Ameisen in oder auf einer Beute beobachtet, liegt es nahe, darin sofort einen gezielten Angriff auf die Bienen zu sehen. Die verfügbare Fachliteratur führt jedoch zu einer einfacheren und plausibleren Deutung: Ameisen scheinen in erster Linie von zugänglichen Ressourcen und günstigen Mikrohabitaten angezogen zu werden. In den verfügbaren europäischen Studien werden sie vor allem auf den Deckbrettern, in der Nähe der Fluglöcher, in peripheren Elementen der Beute oder in Bereichen beschrieben, in denen sie sowohl von einer Nahrungsquelle als auch von einer vergleichsweise stabilen Umgebung profitieren können (Tiritelli et al., 2025).
Der erste Anziehungsfaktor scheint die Nahrung zu sein. Bienenstandsbeobachtungen zeigen, dass Ameisen verschiedene rund um die Völker verfügbare Ressourcen nutzen können: Zuckersubstanzen, Honig, Nektar, Sirup, Pollen, tote Bienen und in manchen Fällen Brut oder andere in der Umgebung der Beute vorhandene organische Stoffe (Payne et al., 2020; Tiritelli et al., 2025). Die Autoren weisen darauf hin, dass viele Ameisenarten, die Beuten aufsuchen, eine generalistische Ernährungsweise haben, die gerne auf Zuckersubstanzen und andere leicht nutzbare Ressourcen ausgerichtet ist. Beuten bieten aus der Sicht einer Ameise also potenziell eine nahrungsreiche Umgebung, auch wenn das tatsächliche quantitative Ausmaß dieser Nutzung in gemäßigtem Europa noch nicht gemessen wurde (Tiritelli et al., 2025).
Der zweite Anziehungsfaktor betrifft das Mikrohabitat. Ameisen kommen nicht nur, um eine punktuelle Ressource zu suchen: Sie können auch von den Bedingungen profitieren, die bestimmte Elemente der Beute bieten. Tiritelli et al. (2025) schlagen vor, dass Beuten vergleichsweise stabile mikroklimatische Bedingungen sowie eine Art indirekten Schutz vor bestimmten Prädatoren oder äußeren Störungen bieten könnten. Diese Hypothese ist kohärent mit wiederholten Beobachtungen von Ameisen, die sich auf Deckbrettern, in Zwischenräumen oder in anderen peripheren Beuteteilen eingerichtet haben. Sie ist auch vereinbar mit allgemeineren Arbeiten zur Ameisenökologie, die zeigen, dass die Wahl der Nistzugplatzes und die Nestarchitektur stark auf thermische und mikroklimatische Bedingungen reagieren (Sankovitz & Purcell, 2021). Es muss jedoch betont werden, dass diese Mechanismen im Fall von Bienenstöcken eher aus Beobachtungen und der allgemeinen Ameisenökologie abgeleitet als durch gezielte Versuche am Bienenstand belegt sind.
Beobachtungen aus anderen Teilen der Welt weisen in dieselbe Richtung und erlauben es, mögliche Mechanismen besser zu veranschaulichen. In Bienenständen, die in Texas untersucht wurden, beobachteten Payne et al. (2020) Ameisen beim Plündern von Zuckerressourcen direkt in Beuten oder in Futtergeschirren, beim Entnehmen von Pollen, beim Verzehren toter Bienen, beim Angreifen von Brut sowie beim Einrichten zwischen Dach und Deckbrett, im Holz der Beute oder unter auf ihr abgelegten Gegenständen. Diese Daten stammen aus einem anderen ökologischen Kontext mit anderen Ameisenarten und teilweise invasiven Arten, sodass sie nicht direkt auf die Schweiz übertragen werden sollten. Sie sind dennoch nützlich, um zu verstehen, warum eine Beute für eine Ameise gleichzeitig eine Nahrungsquelle und ein opportunistischer Ansiedlungsort sein kann (Payne et al., 2020).
Die solideste Schlussfolgerung an diesem Punkt lautet daher: Ameisen scheinen weniger zum Bienenstand zu kommen, um „Bienen anzugreifen", als um eine Kombination aus Ressourcen und günstigen Bedingungen zu nutzen. Zuckersubstanzen spielen dabei wahrscheinlich eine zentrale Rolle, was mit der Nahrungsökologie vieler Ameisen kohärent ist, die stark auf flüssige Kohlenhydrate und andere leicht zugängliche Energieressourcen ausgerichtet ist (Lanan, 2014). Gleichzeitig können bestimmte periphere Beutenelemente für Ameisen, die einen vergleichsweise geschützten und thermisch günstigen Standort suchen, physisch attraktive Bedingungen bieten (Sankovitz & Purcell, 2021; Tiritelli et al., 2025). Es muss jedoch klar sein, dass diese Faktoren im europäischen imkerlichen Kontext heute stark suggeriert, aber nicht experimentell auf der Ebene der Beute demonstriert sind.
Diese Präzision ist für den weiteren Verlauf des Artikels wichtig. Wenn Ameisen zunächst von zugänglichen Ressourcen und günstigen Mikrohabitaten angezogen werden, muss ihre Anwesenheit am Bienenstand vorrangig als opportunistisches Phänomen interpretiert werden. Das erklärt auch, warum bestimmte imkerliche Grundmaßnahmen — saubere Fütterung, Begrenzung von Sirupverschüttungen, Reduzierung unnötiger Unterschlupfmöglichkeiten, Aufmerksamkeit für die peripheren Elemente der Beute — biologisch plausibel erscheinen, auch wenn sie noch selten direkt an Bienenstöcken experimentell getestet wurden (Dainat et al., 2011; Thornley et al., 2024; Tiritelli et al., 2025).
3. Was man in der Schweiz wirklich weiß
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Wenn man sich streng auf den schweizerischen Kontext beschränkt, ergibt sich ein zugleich interessantes und nüchternes Bild. Ameisen am Bienenstand sind dort gut dokumentiert, aber die solidesten Daten stützen nicht das Bild eines wesentlichen Schädlings starker Apis mellifera-Völker. Die schweizerischen Arbeiten und, allgemeiner, die europäische begutachtete Fachliteratur zeigen vor allem vier Dinge: Ameisen kommen häufig am Bienenstand vor, bestimmte Arten sind eng mit Beuten assoziiert, sie können die Zählung des natürlichen Milbenfalls verfälschen, und sie nehmen an der Virusökologie der Bienen teil. Es gibt hingegen bislang keine robuste empirische Grundlage, die zeigt, dass sie in der Schweiz regelmäßig eine direkte, quantifizierte Schwächung starker und gesunder Völker verursachen (Dainat et al., 2011; Schläppi et al., 2020; Tiritelli et al., 2025).
Eine erste Feststellung betrifft die Häufigkeit ihrer Anwesenheit. In der Westschweiz legt die explorative Befragung von Huber nahe, dass Ameisen häufig in oder auf Beuten vorkommen, insbesondere in peripheren Bereichen wie dem Deckbrett, dem Dach und dem Schubladenboden. Diese Quelle ist nützlich, um die imkerliche Praxis zu beschreiben und daran zu erinnern, dass das Vorhandensein von Ameisen am Bienenstand keineswegs außergewöhnlich ist. Es ist jedoch zu beachten, dass es sich um eine nicht standardisierte deskriptive Arbeit handelt, deren methodische Grenzen der Autor selbst hervorhebt. Mit anderen Worten: Huber informiert gut über die schweizerische Imkerpraxis, stellt aber für sich allein keinen wissenschaftlichen Nachweis biologischer oder wirtschaftlicher Auswirkungen auf die Völker dar (Huber, 2024).
Der in der Schweiz am besten experimentell belegte Punkt betrifft die Varroa-Diagnose. Dainat et al. (2011) zeigten, dass Ameisen, die auf den Bienenstandssockeln vorhanden sind, auf den Varroaunterlagen gefallene Milben entfernen können, was zu künstlich niedrigeren Zählungen führt. In ihrem Versuch wiesen Völker, die durch physische Barrieren gegen Ameisen geschützt waren, Varroazählungen auf, die besser mit den Schätzungen des phoretischen Befalls übereinstimmten. In der Praxis bedeutet das, dass die Anwesenheit von Ameisen die Interpretation des natürlichen Milbenfalls verfälschen kann, nicht weil sie den tatsächlichen Befall direkt verändert, sondern weil sie das verändert, was der Imker auf der Unterlage beobachtet (Dainat et al., 2011).
Der zweite in der Schweiz solide dokumentierte Bereich betrifft die Frage der Krankheitserreger, insbesondere die Gattung Lasius. Schläppi et al. (2020) zeigten in einem schweizerischen Bienenstand, dass mit Beuten assoziierte Ameisen — im Feld als Lasius platythorax identifiziert und experimentell mit Lasius niger getestet — Bienenviren über den Nahrungsweg aufnehmen konnten. In ihrem Versuchssystem wurden das Flügeldeformationsvirus (Deformed wing virus, DWV) und das ABPV bei den Ameisen nachgewiesen, aber nur das ABPV zeigte Anzeichen einer Replikation, begleitet von klinischen Symptomen bei den Ameisen. Zudem trugen alle im Bienenstand entnommenen Lasius platythorax-Proben das ABPV sowie DWV-A und DWV-B, mit Nachweis des negativen ABPV-Strangs. In der Schweiz erscheint Lasius damit als das am besten dokumentierte Beispiel für Ameisen, die eng mit Beuten assoziiert und virologisch biologisch relevant sind. Diese Studie maß jedoch weder Brutverluste noch Produktionsrückgänge, noch die Überlebensrate der Völker oder andere direkte Schadensparameter auf der Ebene des Bienenvolkes (Schläppi et al., 2020). Hier ist eine wichtige Einschränkung hervorzuheben: Die am besten dokumentierten schweizerischen Daten betreffen Arten der Gattung Lasius; andere Gattungen kommen an schweizerischen Bienenständen vor (insbesondere Formica, Myrmica, Tetramorium), aber ihre praktische Bedeutung in diesem Kontext ist weit weniger untersucht. Die Befunde zu Lasius können daher nicht automatisch auf alle am Bienenstand vorkommenden Ameisen verallgemeinert werden.
Hier ist Interpretationsvorsicht wesentlich. Was die schweizerischen Daten gut zeigen, ist, dass Ameisen weder bloße anekdotische Details noch, im Gegenteil, ein gut nachgewiesener wesentlicher Schädling sind. Sie sind vor allem ein opportunistisches und kontextabhängiges Phänomen: Sie suchen Beuten auf, können bestimmte Ressourcen oder Mikrohabitate nutzen, verfälschen mitunter eine wichtige imkerliche Diagnose und gehören zur sanitären Landschaft des Bienenstands. Was die schweizerischen Daten hingegen nicht zeigen, ist, dass sie starke Völker regelmäßig und quantifizierbar schwächen. Die europäische Fachliteratur weist generell in dieselbe Richtung: Sie dokumentiert vor allem die Anwesenheit von Ameisen auf Beuten, ihre Schnittstelle mit Krankheitserregern und ihr Interesse an bestimmten Ressourcen, aber keine direkte quantifizierte Auswirkung auf die Leistung oder das Überleben der Völker (Schläppi et al., 2020; Tiritelli et al., 2025).
Die treffendste Formulierung ist daher wahrscheinlich die folgende: In der Schweiz sind Ameisen am Bienenstand real und manchmal biologisch relevant, aber ihre praktische Bedeutung als direkter Schwächungsfaktor für Völker ist noch schlecht quantifiziert. Das rechtfertigt eine vernünftige imkerliche Wachsamkeit — insbesondere für das Varroa-Monitoring und die Beurteilung von Gesundheitsfragen — ohne jedoch eine dramatisierende Sichtweise auf Ameisen als wesentlichen Schädling starker Völker zu stützen (Dainat et al., 2011; Huber, 2024; Schläppi et al., 2020; Tiritelli et al., 2025).
4. Krankheitserreger : eine wichtige, aber noch unvollständig geklärte Frage
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Die Frage der Krankheitserreger ist wahrscheinlich der biologisch interessanteste Aspekt der Wechselwirkungen zwischen Ameisen und Beuten. Sie erfordert jedoch große sprachliche Präzision. Mehrere Studien zeigen heute, dass mit Beuten assoziierte Ameisen Bienenviren tragen und diese mitunter zur Replikation bringen können. Das bedeutet jedoch noch nicht, dass ihre Rolle als Vektoren für die Bienen unter den hier interessierenden Bedingungen klar belegt ist. Um die Fachliteratur korrekt zu interpretieren, müssen daher vier Ebenen unterschieden werden: das Tragen von Krankheitserregern, die Virusreplikation bei der Ameise, eine mögliche Reservoirrolle und schließlich eine Rückübertragung auf die Bienen mit einem bei diesen gemessenen Effekt (Dobelmann et al., 2023; Payne et al., 2020; Schläppi et al., 2020; Tiritelli et al., 2025).
Die erste Ebene, heute gut belegt, ist das Tragen. In mehreren Systemen tragen mit Beuten assoziierte Ameisen häufig Viren, die bei der Honigbiene bekannt sind. In Italien wiesen Tiritelli et al. (2025) bei Ameisen, die in oder auf Beuten nisten, mehrere Bienenpathogene nach, darunter das DWV, das Schwarze Königinnenzellen-Virus (Black queen cell virus, BQCV) und das Chronische Bienen-Paralyse-Virus (Chronic bee paralysis virus, CBPV), mit hohen Nachweisfrequenzen bei den Adulten und, für einige, auch in der Ameisenbrut. In den USA fanden Payne et al. (2020) mindestens ein Bienenvirus in 89 % der in oder in der Nähe von Bienenständen gesammelten Ameisenproben, gegenüber nur 15 % an Standorten ohne Bienenstände. In der Schweiz zeigten Schläppi et al. (2020), dass Ameisen der Gattung Lasius, die an einem Bienenstand entnommen worden waren, ebenfalls mehrere mit Bienen assoziierte Viren trugen. Es kann daher ohne große Einschränkung gesagt werden, dass mit Beuten assoziierte Ameisen tatsächlich Teil der Umgebung sind, in der Bienenpathogene zirkulieren.
Die zweite Ebene ist biologisch stärker: Sie betrifft die Virusreplikation bei der Ameise. Hier sind die Ameisen nicht mehr nur Organismen, die durch Kontakt mit infiziertem Material kontaminiert sind; sie werden für bestimmte Viren zumindest zu echten biologischen Wirten. Genau das veranschaulicht die Schweizer Studie von Schläppi et al. (2020). In ihrem Versuch nahm Lasius niger das DWV und das ABPV nach Aufnahme von infiziertem Material auf, aber nur das ABPV zeigte Anzeichen einer Replikation, begleitet von klinischen Symptomen bei den Ameisen. Im Feld trugen alle am Bienenstand entnommenen Lasius platythorax-Proben das ABPV sowie DWV-A und DWV-B, wobei das ABPV dort ebenfalls Replikationshinweise aufwies. In Italien gehen Tiritelli et al. (2025) noch weiter und berichten für mehrere Viren von Replikationssignalen in adulten Ameisen und in ihrer Brut. Diese Ergebnisse führen zu einem wichtigen Schluss: Je nach Ameisenart und betrachtetem Virus sind Ameisen nicht immer passive Trägerinnen; sie können auch als biologische Wirte agieren.
Die dritte Ebene ist die des Reservoirs. Hier lautet die Frage nicht mehr nur, ob ein Virus in einer Ameise vorkommen oder sich replizieren kann, sondern ob er sich dort im Laufe der Zeit aufrechterhalten und Ameisenkolonien zu einem dauerhaften biologischen Kompartiment der Viruszirkulation machen kann. Die verfügbaren Ergebnisse deuten in bestimmten Systemen in diese Richtung, auch wenn ihre praktische Tragweite am Bienenstand noch schwer zu quantifizieren ist. Die Arbeiten von Schläppi et al. (2020) unterstützen diese Idee bereits für das ABPV bei Lasius, während Tiritelli et al. (2025) die hohe Prävalenz und Replikation mehrerer Pathogene in Ameisen, die auf Beuten nisten, als vereinbar mit einer Reservoir- und potenziellen Vektorrolle interpretieren. Diese Hypothese bleibt plausibel, ist aber noch nicht im strengen epidemiologischen Sinne belegt. Diese Ergebnisse machen es schwer, Ameisen als bloß zufällige Besucher zu betrachten, auch wenn die genaue epidemiologische Bedeutung ihrer Rolle noch zu klären ist.
Die vierte Ebene — und die heikelste — betrifft eine Rückübertragung auf die Bienen mit einem messbaren Effekt auf der Ebene der Völker. Hier ist größtmögliche Vorsicht geboten. Die Fachliteratur belegt bislang noch nicht direkt und kausal, dass eine infizierte Ameise in einem kontrollierten Versuch, bei dem Infektion und Folgen bei den Bienen verfolgt werden, einen Virus auf Bienen überträgt. Das überzeugendste System ist bislang das der Argentinischen Ameise (Linepithema humile) in Neuseeland: Dobelmann et al. (2023) zeigten, dass das Vorhandensein dieser invasiven Art rund um Beuten mit höheren DWV- und BQCV-Lasten bei den Bienen sowie mit Stresszeichen des Volkes assoziiert war. Dieses Ergebnis ist sehr wichtig, erlaubt aber noch keine vollständige Entscheidung zwischen mehreren möglichen Mechanismen. Eine Rückübertragung ist daher plausibel, manchmal suggeriert, aber noch nicht vollständig kausal unter Bedingungen belegt, die mit dem schweizerischen Bienenstand vergleichbar sind (Dobelmann et al., 2023).
Die treffendste Formulierung ist nuancierter: Mit Beuten assoziierte Ameisen tragen häufig mehrere Bienenviren; in mehreren Systemen können sie auch bestimmte dieser Viren beherbergen und mitunter replizieren; ihre genaue Rolle bei der Rückübertragung auf die Bienen und vor allem deren praktische Bedeutung für Völker in der Schweiz sind hingegen noch unsicher (Dobelmann et al., 2023; Payne et al., 2020; Schläppi et al., 2020; Tiritelli et al., 2025). Angesichts der verfügbaren Arbeiten sind Ameisen nicht nur banale Besucher des Bienenstands; sie können an der Zirkulation und, je nach System, an der Aufrechterhaltung bestimmter Viren im unmittelbaren Umfeld der Völker teilnehmen. Dieser Punkt rechtfertigt wissenschaftliche und praktische Wachsamkeit, aber keine simplistische Dramatisierung (Schläppi et al., 2020; Tiritelli et al., 2025).
5. Warum andere Regionen der Welt gravierendere Probleme kennen
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Wenn die Situation in der Schweiz vergleichsweise wenig dramatisch erscheint, bedeutet das nicht, dass Ameisen überall für Bienen harmlos sind. Die internationale Fachliteratur zeigt im Gegenteil, dass sie in bestimmten Kontexten zu einem echten Problem für Apis mellifera-Völker werden können. Aber dieser Punkt muss präzise formuliert werden: Die am besten dokumentierten Fälle betreffen vor allem invasive oder besonders dominante Arten in Systemen, in denen die Ameisenbesatzdichte hoch ist und der Druck auf die Beuten konstant werden kann (Dobelmann et al., 2023; Payne et al., 2020).
Der in einem gemäßigten Klima am besten dokumentierte Fall ist der der Argentinischen Ameise (Linepithema humile) in Neuseeland. In dieser Studie wurden Beuten an Standorten mit oder ohne Anwesenheit von Argentinischen Ameisen platziert. Die exponierten Völker wiesen höhere Viruslasten an DWV und BQCV sowie Zeichen erhöhten Stresses auf. Die Studie zeigte hingegen keine signifikante Zunahme der Völkersterblichkeit über den beobachteten Zeitraum. Dieses Ergebnis ist wichtig, denn es zeigt, dass eine biologisch ernsthafte Auswirkung bestehen kann, ohne unmittelbar zu einem sichtbaren Zusammenbruch des Volkes zu führen (Dobelmann et al., 2023).
Eine andere Art problematischer Situation wird durch Beobachtungen in Bienenständen im Süden der USA veranschaulicht. Payne et al. (2020) beschrieben dort Ameisen, die zu vierzehn verschiedenen Gattungen gehörten, wobei die häufigste Wechselwirkung das Plündern von Zuckerressourcen innerhalb der Beuten oder in den Futtergeschirren war. Die Autoren berichten auch von Pollenentnahme, Verzehr toter Bienen, Angriffen auf die Brut und der Besetzung bestimmter Beutenteile. In zwei Bienenständen verließen Völker sogar ihre Beute infolge massiver Plünderungen durch sehr zahlreiche Ameisen, insbesondere Nylanderia fulva und Linepithema humile. Diese Daten zeigen dennoch, dass bei sehr hoher Dichte bestimmte Ameisen den einfachen Status opportunistischer Besucherinnen überschreiten können (Payne et al., 2020).
Befragungen in anderen imkerlichen Kontexten deuten ebenfalls auf eine Assoziation zwischen Ameisenbefall und höheren Verlusten hin, aber diese Daten sind schwer zu interpretieren und auf den schweizerischen Kontext kaum übertragbar (De Freitas et al., 2023).
Diese Studien erlauben es, einen wichtigen Punkt festzustellen: Ja, es gibt Systeme, in denen Ameisen ein echtes Problem für Bienenvölker darstellen. Aber diese Situationen betreffen häufig invasive oder sehr aggressive Arten in klimatischen und ökologischen Kontexten, die sich von denen schweizerischer Bienenstände unterscheiden. Der internationale Kontrast stellt eine gelassene Betrachtung des schweizerischen Falls also nicht infrage; er erlaubt es im Gegenteil, diese besser zu begründen. Er zeigt, dass das Risikoniveau stark von den betroffenen Arten und dem ökologischen Kontext abhängt (Dobelmann et al., 2023; Payne et al., 2020).
6. Was in der Praxis zu tun ist
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Gegenüber Ameisen ist die angemessenste Reaktion am Bienenstand im Allgemeinen weder Panik noch chemische Bekämpfung, sondern eine verhältnismäßige und durchdachte Bewirtschaftung. Es muss jedoch klar sein, was die verfügbare Evidenzlage erlaubt. Die heute empfohlenen praktischen Maßnahmen beruhen auf einer Kombination aus imkerlicher Erfahrung, biologischer Plausibilität und, in noch sehr begrenzter Zahl von Fällen, direkten experimentellen Daten. Die begutachtete Fachliteratur bietet bislang nur sehr wenige Versuche, die speziell der nicht-chemischen Bewirtschaftung von Ameisen an Apis mellifera-Beuten gewidmet sind. Die am besten dokumentierte Ausnahme betrifft den physischen Ausschluss von Ameisen zur Verbesserung der Zuverlässigkeit der Zählung des natürlichen Milbenfalls (Dainat et al., 2011). Im Übrigen beruhen die Empfehlungen vor allem auf imkerlichem Hausverstand und einer kohärenten ökologischen Logik, die aber noch wenig direkt am Bienenstand getestet wurde (Thornley et al., 2024).
Kasten – Ameisen am Bienenstand : Was in der Praxis zu tun ist
Erst beobachten, dann handeln. Die Anwesenheit einiger Ameisen auf oder in einer Beute bedeutet nicht automatisch, dass ein ernstes Problem besteht. Es ist zunächst zu prüfen, ob sie tatsächlich eine zugängliche Ressource nutzen, ob sie sich dauerhaft ansiedeln oder ob sie ein sanitäres Monitoring beeinträchtigen.
Was sie anzieht reduzieren und die Fütterung sauber gestalten. Sirupverschüttungen, Futterreste, außen zugänglichen Futterteig und verschmutzte Elemente vermeiden. Eine saubere und gut kontrollierte Fütterung reduziert die Attraktivität des Bienenstands erheblich.
Zugang durch mechanische Mittel begrenzen. Physische Barrieren an den Beutenunterständen können den Ameisenbefall reduzieren. Dies ist die am besten dokumentierte Maßnahme, insbesondere um zu verhindern, dass Ameisen die Zählung des natürlichen Milbenfalls verfälschen.
Den natürlichen Milbenfall mit Bedacht interpretieren. Wenn Ameisen die Varroaunterlage aufsuchen, können sie gefallene Milben verschleppen und zu einer Unterschätzung des tatsächlichen Befallsgrads führen.
Die Ursache des Problems suchen, nicht nur die Ameisen bekämpfen. Die Faktoren zu korrigieren, die die Beute oder den Bienenstand attraktiv machen, ist oft nützlicher, als sich ausschließlich auf die Ameisen zu konzentrieren.
Insektizide am Bienenstand unbedingt vermeiden. Die chemische Bekämpfung von Ameisen in der Nähe von Bienen ist unbedingt zu unterlassen. Sie kann ein weit ernsthafteres Risiko für die Völker darstellen als die Ameisen selbst.
Die erste Regel lautet daher: erst beobachten, dann handeln. Zunächst ist eine saisonale Einordnung angebracht: Die Anwesenheit von Ameisen ist vor allem während der warmen Jahreszeiten und beim Füttern relevant; im Winter, wenn Ameisen inaktiv sind, wird sie bedeutungslos. Einige Ameisen unter einem Dach, auf einem Deckbrett oder auf einem Schubladenboden im Sommer bedeuten nicht automatisch, dass ein ernstes Problem besteht. Ein Eingreifen ist sinnvoller, wenn man einen häufigen und wiederholten Besuch, einen offensichtlichen Zugang zu einer Nahrungsquelle, eine dauerhafte Ansiedlung in bestimmten Beutenteilen oder eine Beeinträchtigung in einem bereits fragilen Kontext beobachtet (Sanitärdienst Bienen, 2024).
Die zweite Maßnahme besteht darin, die Attraktivität des Bienenstands zu reduzieren. Dies ist wahrscheinlich die intuitivste Empfehlung und biologisch auch eine der plausibleren. In der Praxis bedeutet das: sauber füttern, Sirupverschüttungen vermeiden, keinen Futterteig oder Futterreste außen zugänglich lassen, störende Rückstände entfernen, verschmutzte Elemente reinigen und vermeiden, bestimmte Beutenteile in stabile Unterschlupfmöglichkeiten zu verwandeln (Sanitärdienst Bienen, 2024; Tiritelli et al., 2025).
Der dritte Ansatz besteht darin, den Ameisenbefall physisch zu begrenzen. Hier verfügt man über den solidesten experimentellen Anknüpfungspunkt. In der Schweiz zeigten Dainat et al. (2011), dass ein System von Beutenunterständen, bei dem die Füße in wassergefüllten Behältern standen, den Ameisenbefall auf den Varroaunterlagen stark reduzierte. Dies muss klar formuliert werden: Diese Studie belegt den Nutzen physischer Barrieren zur Vermeidung eines diagnostischen Bias, nicht dafür, dass diese Barrieren die Völker direkt vor Produktionsverlust oder messbarer Schwächung schützen. Sie liefert dennoch ein solides praktisches Prinzip: Wenn ein Ameisenbefall ein Problem darstellt, sind physische Barrieren an den Beutenunterständen eine rationale und dokumentierte Option (Dainat et al., 2011).
Ein Beispiel aus einem sehr anderen Kontext veranschaulicht einen analogen Mechanismus, ohne direkt auf die Schweiz übertragbar zu sein. Thornley et al. (2024) arbeiteten im spezifischen Rahmen von Beuten, die als Elefantenbarrieren in subsaharischem Afrika eingesetzt werden, mit Apis mellifera scutellata-Völkern und dominanten lokalen Ameisenarten. Sie zeigten, dass Änderungen in der Platzierung und im Design der Futtergeschirre den Ameisenbefall auf die Ressource stark reduzierten. Dieses Beispiel erinnert vor allem daran, dass die Bauweise eines Aufbaus den Ameisenbefall auf eine Ressource verändern kann, ohne jedoch einen direkt auf den schweizerischen Bienenstand übertragbaren Beweis darzustellen. Es legt dennoch die praktische Relevanz ähnlicher Maßnahmen nahe: auf die Aufstellung der Beuten achten, pflanzliche oder materielle Brücken vermeiden, die den Zugang erleichtern, und besonderes Augenmerk auf die Sauberkeit und Anordnung der Futtergeschirre legen (Thornley et al., 2024).
Beim Varroa-Monitoring ist besondere Wachsamkeit geboten. Das ist wahrscheinlich der praktisch wichtigste und wissenschaftlich am besten belegte Punkt. Wenn Ameisen die Varroaunterlage aufsuchen, können die Zählungen des natürlichen Milbenfalls künstlich verringert werden. In diesem Fall sind die Ergebnisse mit Bedacht zu interpretieren und gegebenenfalls ist das Zählgerät gegen Ameisenbefall zu schützen. Die eigentliche Gefahr besteht hier im konkreten Risiko einer Unterschätzung des Befallsdrucks mit allen Konsequenzen für die Behandlungsentscheidung (Dainat et al., 2011; Sanitärdienst Bienen, 2024).
Es sei auch daran erinnert, dass die Anwesenheit von Ameisen manchmal weniger ein eigenständiges Problem als ein Kontextindikator sein kann. Ein bereits geschwächtes Volk ist wahrscheinlich schlechter in der Lage, zusätzlichen, wenn auch opportunistischen Druck zu absorbieren; diese Idee bleibt jedoch biologisch plausibel, statt direkt für Ameisen belegt zu sein. In diesem Fall ist die nützlichste Strategie nicht notwendigerweise, sich zunächst auf die Ameisen selbst zu konzentrieren, sondern die Bedingungen zu korrigieren, die die Beute oder den Bienenstand attraktiv machen (Sanitärdienst Bienen, 2024).
Die klarste praktische Botschaft lautet schließlich wohl folgende: Am Bienenstand dürfen keine Insektizide oder Giftköder gegen Ameisen eingesetzt werden. Diese Empfehlung entspricht sowohl dem imkerlichen Hausverstand als auch der sanitären Sicherheit. Schweizerische Quellen melden sogar schwere Vergiftungsfälle von Völkern, die auf die Verwendung von Bioziden gegen Ameisen in der Nähe der Bienen zurückzuführen sind (Sanitärdienst Bienen, 2024; Tschuy, 2020). Das Nutzen-Risiko-Verhältnis ist hier ungünstig: Eine falsch platzierte chemische Bekämpfung kann für die Bienen eine weit ernstere Gefahr darstellen als die Gefahr, die man zu vermeiden versucht.
Zusammenfassung: Am schweizerischen Bienenstand stellen Ameisen meistens ein opportunistisches und kontextabhängiges Problem dar. Die angemessenste Reaktion ist im Allgemeinen eine saubere, mechanische und verhältnismäßige Bewirtschaftung, keine chemische Bekämpfung.
7. Fazit : begrenzte Beeinträchtigung, gezielte Wachsamkeit
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Am schweizerischen Bienenstand stellen Ameisen nach aktuellem Wissensstand keinen wesentlichen, gut dokumentierten Schädling starker Apis mellifera-Völker dar. Die verfügbaren Daten zeigen vor allem, dass sie die Zählung des natürlichen Milbenfalls verfälschen und sich in die Pathogenökologie rund um den Bienenstand einordnen können. Ihre Fähigkeit, Bienenviren zu tragen und mitunter zu replizieren, ist gut dokumentiert, aber ihre genaue Rolle bei einer Rückübertragung auf die Bienen ist noch unvollständig geklärt (Dainat et al., 2011; Schläppi et al., 2020; Tiritelli et al., 2025).
Das Fehlen eines soliden Nachweises eines direkt quantifizierten Schadens ist kein Beweis absoluter Unschädlichkeit. Es bedeutet vor allem, dass die Frage im europäischen Kontext aus der Perspektive der Völkerleistung wenig untersucht worden ist. Diese Lücke rechtfertigt Vorsicht in beide Richtungen: Es wäre nicht gerechtfertigt, Ameisen als wesentlichen Feind zu dramatisieren, aber es wäre ebenso unvorsichtig, sie als völlig ohne biologisches oder praktisches Interesse zu betrachten (Payne et al., 2020; Tiritelli et al., 2025).
Ja, bestimmte Studien aus anderen Teilen der Welt zeigen, dass invasive Arten bei hoher Dichte, wie Linepithema humile oder Nylanderia fulva, für Völker zu einem echten Problem werden können. Aber diese Situationen können nicht automatisch auf die Schweiz übertragen werden. Die Tatsache, dass es anderswo problematische Systeme gibt, widerlegt keine gelassene Betrachtung des schweizerischen Falls; sie macht sie vielmehr strenger, indem sie zeigt, dass das Risikoniveau stark vom Kontext abhängt (Dobelmann et al., 2023; Payne et al., 2020).
Am schweizerischen Bienenstand sind Ameisen in der Regel weder ein wesentlicher Schädling starker Völker noch ein irrelevantes Thema. Sie sind vor allem ein opportunistisches Phänomen, ein möglicher Störfaktor, ein potenzieller diagnostischer Bias und ein Element der Pathogenökologie rund um die Beuten. Genau diese mittlere Position — weder alarmistisch noch sorglos — scheint heute der verfügbaren Fachliteratur am treuesten zu sein (Dainat et al., 2011; Schläppi et al., 2020; Tiritelli et al., 2025).
Siehe auch:
- Merkblatt: 1.5.1 Messung der natürlichen Varroamilbenfall
- Merkblatt: 2.8 Varroatose
- Flügeldeformationsvirus
- Merkblatt: 2.10 Chronisches Bienen-Paralyse-Virus
- Merkblatt: 2 Krankheiten und Schädlinge
- Die faszinierenden Geheimnisse der Gemüllanalyse
Literaturverzeichnis
Dainat, B., Kuhn, R., Cherix, D., & Neumann, P. (2011). A scientific note on the ant pitfall for quantitative diagnosis of Varroa destructor. Apidologie, 42(6), 740–742. https://doi.org/10.1007/s13592-011-0071-3
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Schläppi, D., Chejanovsky, N., Yañez, O., & Neumann, P. (2020). Foodborne transmission and clinical symptoms of honey bee viruses in ants Lasius spp. Viruses, 12(3), Article 321. https://doi.org/10.3390/v12030321
Sanitärdienst Bienen. (2024). 3.4. Fauna am Bienenstand (V 2410). https://abeilles.ch/wp-content/uploads/sites/7/2023/05/3.4_faune_au_rucher.pdf
Thornley, R., Cook, R., Spencer, M., Parr, C. L., & Henley, M. D. (2024). Interspecific competition between ants and African honeybees (Apis mellifera scutellata) may undermine the effectiveness of elephant beehive-deterrents in Africa. Conservation Science and Practice, 6(1), e13041. https://doi.org/10.1111/csp2.13041
Tiritelli, R., Giannetti, D., Schifani, E., Grasso, D. A., & Cilia, G. (2025). Neighbors sharing pathogens: The intricate relationship between Apis mellifera and ants (Hymenoptera: Formicidae) nesting in hives. Insect Science, 32(3), 943–956. https://doi.org/10.1111/1744-7917.13433
Tschuy, M. (2020). Des abeilles et des fourmis : Que faire quand les fourmis envahissent le rucher ? Revue suisse d'apiculture, 141(1–2), 30–31. https://doi.org/10.5169/seals-1068268
Abkürzungen
ABPV : Acute bee paralysis virus (Virus der akuten Bienenparalyse)
BQCV : Black queen cell virus (Schwarzes Königinnenzellen-Virus)
CBPV : Chronic bee paralysis virus (Chronisches Bienen-Paralyse-Virus)
DWV : Deformed wing virus (Flügeldeformationsvirus)
DWV-A : Variante A des Deformed wing virus
DWV-B : Variante B des Deformed wing virus
SSA : Sanitärdienst Bienen


