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Weltbienentag

Jedes Jahr am 20. Mai steht der Weltbienentag wieder auf dem Kalender. Hinter diesem Datum verbirgt sich eine umfassendere Frage: Warum gibt es einen Tag, der den Bestäubern gewidmet ist, was soll damit konkret erreicht werden, und was sagt die Wissenschaft über den tatsächlichen Zustand dieser Arten? Im Folgenden wird ein Überblick gegeben, der auf den verfügbaren Erkenntnissen basiert  (siehe offizielle Website: Weltbienentag).

1. Warum ein Weltbienentag?


Ackerhummel (Bombus pascuorum)

Der Weltbienentag wird seit 2018 jährlich am 20. Mai begangen.

Er wurde durch eine Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen vom 20. Dezember 2017 eingeführt (Organisation der Vereinten Nationen [ONU], 2018). Sein erklärtes Ziel ist es nicht, die Imkerei um ihrer selbst willen zu feiern, sondern auf die Rolle aufmerksam zu machen, die Bienen und — in einem weiteren Sinne — alle Bestäuber für die Ernährung, die Ökosysteme und die nachhaltige Entwicklung spielen (Food and Agriculture Organization of the United Nations [FAO], o. J.).

Die Wahl des 20. Mai ist nicht willkürlich. Er erinnert an die Geburt von Anton Janša (1734–1773), einem slowenischen Imker, der als einer der Pioniere der modernen Imkerei gilt. Es war Slowenien, das die Initiative bei den Vereinten Nationen einbrachte, mit Unterstützung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen. Die verabschiedete Resolution fordert die Mitgliedstaaten, zuständige Organisationen und andere Akteure ausdrücklich auf, diesen Tag zu begehen und Sensibilisierungsmaßnahmen auf allen Ebenen zu fördern (ONU, 2018).

Die Reichweite des Tages geht jedoch über das historische Symbol hinaus. Bereits in seiner offiziellen Formulierung zielt er darauf ab, die Aufmerksamkeit nicht nur auf die Honigbiene, sondern auf alle Bestäuber und die Schwierigkeiten zu lenken, mit denen sie heute konfrontiert sind (FAO, o. J.). Dieser breitere Rahmen verleiht dem Tag seine wissenschaftliche und politische Relevanz — vorausgesetzt, man geht über seine rein symbolische Dimension hinaus.

2. Warum Bestäuber für die Gesellschaft von Bedeutung sind

Bestäuber sind zunächst deshalb bedeutsam, weil sie direkt zur landwirtschaftlichen Produktion beitragen.

Mehr als 75 % der wichtigsten Nutzpflanzen der Welt profitieren zumindest teilweise von der tierischen Bestäubung, und die betreffenden Kulturen machen etwa 35 % des weltweiten landwirtschaftlichen Produktionsvolumens aus (Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services [IPBES], 2016). Diese Formulierung ist jedoch mit Sorgfalt zu lesen: Sie bedeutet nicht, dass 35 % der weltweiten Ernährung ohne Bestäuber sofort wegfallen würde, sondern dass ihr Beitrag einen erheblichen Teil der Kulturen betrifft, die die Vielfalt unserer Ernährung prägen.

Der der tierischen Bestäubung direkt zurechenbare wirtschaftliche Wert wird auf 235 bis 577 Milliarden US-Dollar pro Jahr geschätzt — in Marktwerten zu Preisen von 2015 (IPBES, 2016). Es handelt sich um eine Größenordnung, keine exakte Zahl, aber sie veranschaulicht das Ausmaß der erbrachten Leistung. Vor allem Obst, Gemüse, Samen, Nüsse und verschiedene Ölsaaten sind am direktesten davon abhängig (Klein et al., 2007).

Die Bedeutung der Bestäuber geht jedoch weit über die Landwirtschaft hinaus. Nahezu 90 % der wildwachsenden Blütenpflanzen sind zumindest teilweise auf tierische Bestäubung angewiesen (IPBES, 2016). Die Frage lässt sich also nicht auf ein Problem landwirtschaftlicher Erträge reduzieren: Sie berührt auch die Fortpflanzung wildwachsender Pflanzen, die Aufrechterhaltung von Nahrungsnetzen und die funktionale Stabilität von Ökosystemen. Dies verleiht dem Thema eine zugleich landwirtschaftliche, ökologische und räumliche Dimension.

3. Jenseits der Honigbiene: eine Vielfalt von Bestäubern

Eine der häufigsten Vereinfachungen in der öffentlichen Debatte besteht darin, die Bestäuberfrage auf die Honigbiene (Apis mellifera) zu reduzieren.

Diese Fokussierung ist verständlich — die Honigbiene ist sichtbar, bekannt, mit der Imkerei verbunden — aber sie ist zu eng gefasst. Die FAO weist darauf hin, dass es mehr als 200 000 tierische Bestäuberarten gibt, darunter über 20 000 Bienenarten sowie zahlreiche Schmetterlinge, Vögel, Fledermäuse und andere Insekten (FAO, o. J.).

Diese Vielfalt hat konkrete Konsequenzen. Wildbestäuber sind nicht bloß ein Ergänzungsangebot rund um die Honigbiene: Sie leisten einen eigenständigen Beitrag zur landwirtschaftlichen Produktion, auch wenn verwaltete Völker in ausreichender Zahl vorhanden sind. In einer Analyse von 41 Anbausystemen weltweit verbesserten Wildinsekten den Fruchtansatz in allen untersuchten Systemen, während ein signifikanter Zusammenhang mit Besuchen von Honigbienen nur in 14 % der Fälle festgestellt wurde (Garibaldi et al., 2013). Die Schlussfolgerung der Autoren ist eindeutig: Honigbienen ergänzen Wildbestäuber, ersetzen sie aber nicht.

Die Erweiterung des Blickwinkels lohnt sich auch jenseits der Bienen selbst. Nicht-Bienen-Insekten machen etwa 39 % der Blütenbesuche auf weltweit untersuchten Nutzpflanzen aus (Rader et al., 2016). Das bedeutet nicht, dass alle Gruppen überall gleich viel beitragen, bestätigt aber, dass ein erheblicher Teil der Bestäubungsleistung von Akteuren erbracht wird, die in der öffentlichen Debatte oft unsichtbar bleiben.

Über Bestäubung zu sprechen heißt notwendigerweise, über eine ökologische Funktion zu sprechen, die auf mehrere Gruppen verteilt ist. Ihr Verständnis wie auch ihr Schutz erfordern einen weiteren Blick als den der Imkerei allein.

4. Vielfältige, oft kumulative Belastungen

Der Zustand der Bestäuber lässt sich nicht auf eine einzige Ursache zurückführen.

Die großen internationalen Syntheseberichte konvergieren zur Vorstellung eines Bündels direkter Belastungen, die je nach Lebensraum und betroffener Gruppe gleichzeitig oder aufeinanderfolgend wirken. Das IPBES benennt insbesondere Landnutzungsänderungen, intensive landwirtschaftliche Bewirtschaftung, Pestizideinsatz, Umweltverschmutzung, invasive Fremdarten, Krankheitserreger und den Klimawandel (IPBES, 2016; Potts et al., 2010). Einen beobachteten Rückgang einem einzigen isolierten Faktor zuzuschreiben bleibt oft schwierig, angesichts fehlender Daten und der Komplexität der Wechselwirkungen zwischen den Belastungen.

Die Transformation und Vereinfachung von Landschaften ist die am häufigsten genannte erste Belastung. Eine weltweite Analyse, die 303 Studien, 12 170 Standorte und 4 502 Bestäuberarten umfasst, zeigt, dass eine Intensivierung der Landnutzung in anthropogen geprägten Lebensräumen häufig mit einem Rückgang der Bestäuber-Biodiversität verbunden ist — auch wenn das Ausmaß dieser Reaktion je nach Region und Artengruppe variiert (Millard et al., 2021).

Intensive Landwirtschaftspraktiken stellen eine zweite Dimension dar. Sie kombinieren häufig mehrere Effekte: Homogenisierung der Landschaft, Verringerung der Blütenvielfalt im Jahresverlauf, erhöhte Exposition gegenüber Pflanzenschutzmitteln und Verarmung der verfügbaren Ressourcen. In diesem Zusammenhang sind Pestizide als Teil eines größeren Ganzen zu verstehen, nicht als alleinige Erklärung. Ihre Wirkungen können sich mit denen einer weniger vielfältigen Ernährung, eines fragmentierten Lebensraums oder anderer Umweltbelastungen addieren (IPBES, 2016; Potts et al., 2010).

Hinzu kommen Krankheiten, Parasiten, invasive Arten und Klimaereignisse. Ihre Bedeutung ist nicht überall gleich, aber sie können bereits geschwächte Situationen weiter verschlechtern. Es ist daher treffender, von einem Bündel von Belastungen als von einer einheitlichen Krise zu sprechen. Für die öffentliche Debatte wie für politisches Handeln hat diese Lesart eine klare Konsequenz: Die mit Bestäubern verbundenen Herausforderungen erfordern weniger eine einzige Antwort als einen koordinierten Ansatz zwischen Landwirtschaft, Raumplanung, Habitatqualität und Langzeitmonitoring.

5. Handlungsmöglichkeiten bestehen

Die wissenschaftlichen Befunde implizieren nicht, dass es eine einzige Maßnahme gäbe, die allen Schwierigkeiten begegnen könnte.

Die verfügbaren Syntheseberichte konvergieren zu einer einfachen Erkenntnis: Die robustesten Antworten sind kombiniert, wirken auf mehreren Ebenen und zielen gleichzeitig auf Habitate, Praktiken und Monitoring (IPBES, 2016).

Der erste Hebel betrifft den Schutz und die Wiederherstellung von Habitaten. Die Meta-Analyse zeigt auf robuste Weise, dass ökologische Restauration Abundanz und Diversität von Wildbienen verbessern kann (Tonietto & Larkin, 2018). Dies spricht für eine verstärkte Aufmerksamkeit gegenüber blütenreichen Wiesen, Waldrändern, Hecken, Böschungen und halbnatürlichen Landschaftselementen. Ein heterogener, ressourcenreicher Lebensraum ist in der Regel günstiger als ein homogenisierter Raum, der arm an Nistplätzen oder aufeinanderfolgenden Blüten ist.

Ein zweiter Hebel betrifft gezielte Blühaménagements wie Blühstreifen. Die Ergebnisse sind insgesamt positiv, müssen aber differenziert formuliert werden: Ihre Wirksamkeit hängt stark vom Qualitätskontrast zwischen den Blühstreifen und ihrer Umgebung ab. Ein Blühstreifen kann nützlich sein, vor allem in verarmten Landschaften, ist aber nicht allein durch seine Anwesenheit automatisch wirksam (Pérez-Sánchez et al., 2023). Der Vorrang gilt diversifizierten, dauerhaften Anlagen, die darauf ausgerichtet sind, über einen ausreichend langen Zeitraum komplementäre Ressourcen bereitzustellen.

Der dritte Hebel betrifft landwirtschaftliche Praktiken und Raumplanung. Die solideste Botschaft ist nicht die eines einzigen Rezepts, sondern einer allgemeinen Ausrichtung: unnötige Belastungen reduzieren, Blütenressourcen und Nistplätze erhalten und die Bestäubung in eine umfassendere Logik der Landschaftsbewirtschaftung integrieren. Bestäuber sind nicht nur eine sektorale Frage, sondern eine Koordinationsaufgabe zwischen Landwirtschaft, Umwelt und Raumplanung (Dicks et al., 2016; IPBES, 2016).

Schließlich betrifft ein vierter, weniger sichtbarer, aber wesentlicher Hebel das Monitoring. Ohne standardisiertes Monitoring ist es schwierig, die tatsächliche Wirkung ergriffener Maßnahmen zu bewerten, Reaktionen nach Artengruppen zu differenzieren und Prioritäten anzupassen. Neuere Arbeiten betonen die Notwendigkeit, zeitlich und regional vergleichbare Monitoringsysteme zu stärken, um nicht nur Rückgänge, sondern auch mögliche Restaurationseffekte zu identifizieren (Klaus et al., 2024; European Environment Agency, 2025). Bestäubern zu helfen bedeutet nicht nur, sichtbare Maßnahmen zu finanzieren, sondern auch die Daten zu produzieren, die es erlauben, zu beurteilen, was tatsächlich funktioniert.

6. Ein symbolischer Tag, dauerhafte Herausforderungen

Der Weltbienentag hat zunächst eine Funktion der öffentlichen Sichtbarkeit.

Die Vereinten Nationen stellen ihn als Mittel dar, auf die wesentliche Rolle der Bienen und anderer Bestäuber für die Gesundheit von Menschen, Ökosystemen und der Ernährung aufmerksam zu machen (ONU, 2018; FAO, o. J.). In dieser Funktion ist er nützlich: Er schafft einen Moment der Aufmerksamkeit in einem überfüllten Kalender.

Aber diese symbolische Funktion hat eine klare Grenze. Allein vermag ein Gedenktag weder den Zustand der Habitate noch die landwirtschaftlichen Praktiken noch die Monitoringsysteme zu verändern. Die großen Syntheseberichte betonen gerade, dass die beobachteten Belastungen vielfältig sind und die relevanten Antworten eine grundlegende Arbeit an Landschaften, Landnutzungen, Bewirtschaftungspraktiken und öffentlichen Politiken erfordern (IPBES, 2016; Dicks et al., 2016). In dieser Perspektive gilt der 20. Mai nicht als Lösung an sich, sondern als Ausgangspunkt, um wissenschaftliche Erkenntnisse, öffentliche Debatte und Handlungsprioritäten besser zu verbinden.

In diesem Sinne kann der Tag auch für Entscheidungsträger und Praktiker einen nützlichen Leitfaden bieten. Er ermöglicht es, die Bestäuberfrage in einen weiteren Rahmen als den der Imkerei allein zu stellen: den der Landwirtschaft, der Biodiversität, der Raumplanung und der Ernährungssicherheit. Die FAO betont übrigens, dass dieser Tag darauf abzielt, auf die zahlreichen Herausforderungen aufmerksam zu machen, mit denen Bestäuber heute konfrontiert sind, und die Syntheseliteratur zeigt, dass die solidesten Antworten mehrere Hebel kombinieren, anstatt auf isolierte Maßnahmen zu setzen (FAO, o. J.; Dicks et al., 2016).

Die Tragweite des 20. Mai liegt also weniger darin, die Bienen punktuell zu feiern, als darin, daran zu erinnern, dass es sich um eine dauerhafte Herausforderung handelt. Sein Interesse ist real, sofern man ihn als Einstiegspunkt in dauerhaft relevante Fragen versteht — und nicht als symbolischen Abschluss (ONU, 2018; IPBES, 2016). In diesem Raum verortet sich dieses Dossier: zwischen Kontextualisierung, Wissensstand und Leseperspektiven.


Siehe auch:

 

Referenzen

Dicks, L. V., Viana, B., Bommarco, R., Brosi, B., Arizmendi, M. del C., Cunningham, S. A., Galetto, L., Hill, R., Lopes, A. V., Pires, C., Taki, H., & Potts, S. G. (2016). Ten policies for pollinators. Science, 354(6315), 975–976. https://doi.org/10.1126/science.aai9226

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Garibaldi, L. A., Steffan-Dewenter, I., Winfree, R., Aizen, M. A., Bommarco, R., Cunningham, S. A., Kremen, C., Carvalheiro, L. G., Harder, L. D., Afik, O., Bartomeus, I., Benjamin, F., Boreux, V., Cariveau, D., Chacoff, N. P., Dudenhöffer, J. H., Freitas, B. M., Ghazoul, J., Greenleaf, S., … Klein, A. M. (2013). Wild pollinators enhance fruit set of crops regardless of honey bee abundance. Science, 339(6127), 1608–1611. https://doi.org/10.1126/science.1230200

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Klaus, F., Ayasse, M., Classen, A., Dauber, J., Diekötter, T., Everaars, J., Fornoff, F., Greil, H., Hendriksma, H. P., Jütte, T., Klein, A. M., Krahner, A., Leonhardt, S. D., Lüken, D. J., Paxton, R. J., Schmid-Egger, C., Steffan-Dewenter, I., Thiele, J., Tscharntke, T., … Pistorius, J. (2024). Improving wild bee monitoring, sampling methods, and conservation. Basic and Applied Ecology, 75, 2–11. https://doi.org/10.1016/j.baae.2024.01.003

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Autor
S. Imboden & C. Pfefferlé
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