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Wassersammlung bei Honigbienen: Einfluss des Wetters und der Größe der Völker

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Diese Studie zeigt, dass die Wassersammeltätigkeit mit der Volksstärke und bei warmen Tagen zunimmt. Sie erinnert auch daran, dass Wasser eine Grundressource für die Brut und den normalen Betrieb des Volkes ist. Für den Bienenstand ist die Botschaft einfach: Eine zuverlässige Tränke sollte eingeplant werden – mit der gebotenen Vorsicht angesichts des halbkontrollierten Versuchsdesigns.

1. Das Wichtigste in Kürze

  • Die untersuchte Frage lautet: Wie beeinflussen Wetter und Volksstärke die Wassersammeltätigkeit, und gibt es einen Temperaturschwellenwert, ab dem diese Sammeltätigkeit deutlich zunimmt?
  • Unter halbkontrollierten Bedingungen sammelten starke Völker im Durchschnitt mehr Wasser als schwache, mit besonders hohen Werten im Frühling und Sommer und einem gemessenen Tagesmaximum von 1,39 L.
  • Oberhalb einer mittleren Tagestemperatur von 22,3 °C bzw. eines Tagesmaximums von 31,5 °C nimmt die Wassersammeltätigkeit deutlich zu, was voraussichtlich auf den Thermoregulationsbedarf der Brut zurückzuführen ist.
  • Die Anzahl adulter Bienen ist der erklärungsstärkste Einzelfaktor: Er erklärt knapp über 40 % der beobachteten Varianz – sowohl unter- als auch oberhalb des Schwellenwerts. Unterhalb des Schwellenwerts erklärt die offene Brut weitere 19 %; oberhalb des Schwellenwerts erklärt die Maximaltemperatur weitere 23 %.
  • Für die Praxis am Bienenstand ist die Botschaft nützlich, aber mit Vorsicht zu geniessen: Wasser sollte als aktiv zu bewirtschaftende Ressource betrachtet werden – ohne diese Ergebnisse jedoch als universell gültige Regel auf jeden Schweizer Bienenstand zu übertragen.

2. Was die Studie zeigt

Eine in Avignon durchgeführte Studie quantifiziert unter halbkontrollierten Bedingungen, wie Volksstärke und Wetter die tägliche Wassersammelleistung beeinflussen.

Abb. 1. Vorhergesagte Entwicklung der täglichen Wassersammelmenge der Völker in Abhängigkeit von Witterungsfaktoren bei Exposition gegenüber hohen Umgebungstemperaturen. Die Grafiken zeigen beobachtete Werte (graue Punkte) sowie Vorhersagen (mit 95-%-Konfidenzintervallen) der täglichen Wassersammelmenge in Abhängigkeit von (a) der täglichen Maximaltemperatur (Tmax) und (c) der täglichen Globalstrahlung (GR) für drei Stufen der täglichen minimalen relativen Luftfeuchtigkeit (RHmin). Umgekehrt zeigen die Grafiken (b) und (d) die vorhergesagte tägliche Wassersammelmenge in Abhängigkeit von der täglichen minimalen relativen Luftfeuchtigkeit (RHmin) für drei Stufen der täglichen Maximaltemperatur (Tmax) bzw. der täglichen Globalstrahlung (GR). Die drei Stufen der Moderatorvariable entsprechen dem Mittelwert sowie je einer Standardabweichung darunter und darüber (−1SD und +1SD); alle übrigen Kovariablen werden auf ihrem Mittelwert gehalten.

Fragestellung. Wasser ist für das Bienenvolk unverzichtbar – nicht nur für die Produktion von Larvenfutter, sondern auch zur Kühlung der Brut in heissen Perioden. Die Autoren versuchen daher, die von einem gesamten Volk gesammelten Wassermengen direkt zu messen und die Faktoren zu bestimmen, die deren Variation erklären: Volksstärke, Brut und Wettervariablen.

Methode. Die Studie wurde unter halbkontrollierten Bedingungen in Netzzelttunneln durchgeführt, die den Zugang zu anderen Wasserquellen sowie den externen Nektareintrag ausschlossen. Insgesamt wurden 24 Völker über 73 Tage im Frühling, Sommer und Herbst beobachtet. Je zwei Völker unterschiedlicher Grösse wurden gleichzeitig beobachtet, jedes mit einer freien Tränke zur Mengenmessung und einer Kontrolltränke zur Korrektur der Verdunstung. Die Gewichtsmessungen erfolgten stündlich. Die Volksstärke wurde nach der ColEval-Methode anhand der Anzahl adulter Bienen und Brutzellen geschätzt.

Ergebnisse. Starke Völker sammelten in allen drei Jahreszeiten im Durchschnitt mehr Wasser als schwache. Die Tagesdurchschnittswerte lagen für starke Völker bei rund 401 mL im Frühling, 639 mL im Sommer und 123 mL im Herbst, gegenüber 202 mL, 320 mL und 102 mL für schwache Völker. Bei einem starken Volk wurde im Sommer ein Tagesmaximum von 1,39 L gemessen.

Die Autoren identifizierten einen Temperaturschwellenwert, ab dem die Wassersammeltätigkeit deutlich zunimmt: 22,3 °C für die mittlere Tagestemperatur und 31,5 °C für die tägliche Maximaltemperatur. Dieser Anstieg wird hauptsächlich auf den verstärkt einsetzenden Thermoregulationsbedarf der Brut zurückgeführt.

Das robusteste Ergebnis ist die Rolle der Volksstärke: Die Anzahl adulter Bienen allein erklärt knapp über 40 % der beobachteten Varianz der täglichen Wassersammelmenge – sowohl unter- als auch oberhalb des Schwellenwerts. Solange das Volk noch keiner starken Hitze ausgesetzt ist, erklärt die Anzahl offener Brutzellen weitere 19 % der Varianz; bei starker Hitze erklärt die Maximaltemperatur weitere 23 %. Der Hitzeeffekt ist zudem verstärkt, wenn die Luft trockener ist.

Interpretation. Die Studie stützt damit zwei sich ergänzende Schlussfolgerungen. Erstens ist Wasser keine reine «Hitzewellen-Ressource»: Es spielt eine breitere Rolle für den normalen Betrieb des Volkes, insbesondere für die Brut. Zweitens ändert sich die Nachfrage grundlegend, sobald ein bestimmtes Hitzenniveau überschritten wird. Die Autoren zeigen ausserdem, dass der Anteil der Wassersammlerinnen mit zunehmender Volksgrösse bis zu rund 13 000 Individuen abnimmt und sich danach bei etwa 0,13 % stabilisiert. Dies deutet auf eine volksstärkeabhängige Spezialisierung hin, die jedoch nicht direkt auf Einzelbienenebene gemessen wurde.

3. Kritische Betrachtung

Die Ergebnisse sind solide genug, um allgemeine Tendenzen aufzuzeigen, doch ihre direkte Übertragung auf den normalen Bienenstand erfordert mehrere Vorbehalte.

Stärken der Studie. Die Hauptstärke der Arbeit liegt in der Messqualität: Verdunstungskorrektur, stündliches Monitoring, Vergleich von Völkern unterschiedlicher Grösse, Abdeckung von drei Jahreszeiten und explizite Modellierung der Wettervariablen. Die Identifikation eines statistisch validierten Temperaturschwellenwerts liefert einen zu diesem Thema seltenen praxisrelevanten Orientierungswert.

Methodische Grenzen. Das Versuchsdesign bleibt jedoch künstlich. Die Völker wurden in Tunneln gehalten und von externen Wasserquellen sowie Nektareintrag abgeschnitten. Die Ergebnisse beschreiben daher sehr gut eine kontrollierte Situation, lassen sich aber weniger direkt auf einen offenen Bienenstand übertragen, wo zusätzlich Trachtlage, Entfernung zur Wasserquelle, Beschattung, Wind, Exposition und die Vielfalt der Mikroklimata eine Rolle spielen. Die Völker wurden zudem ad libitum mit Pollen und Futterteig versorgt.

Der Anteil der Wassersammlerinnen ist ebenfalls mit Vorsicht zu interpretieren. Er wurde anhand kurzer Zählungen an der Tränke geschätzt; zurückkehrende Sammlerinnen oder solche, die sich während der Zählung im Stock befanden, wurden nicht erfasst. Dieser Anteil ist daher als Mindestwert zu betrachten. Zudem bleibt die Schätzung der Volksstärke nach ColEval eine Felднäherung, auch wenn sie standardisiert ist.

Mögliche Verzerrungen und Konfundierungen. Die Autoren weisen selbst darauf hin, dass einzelne Beobachtungen die Koeffizienten der gemischten linearen Modelle beeinflusst haben. Sie präsentieren die Ergebnisse mit dem vollständigen Datensatz sowie ergänzende Analysen ohne diese einflussreichen Beobachtungen, was die Transparenz stärkt, jedoch dazu einlädt, die genauen Zahlenwerte nicht zu überinterpretieren.

Übertragbarkeit. Die Studie wurde in Avignon durchgeführt, unter wärmeren und trockeneren Bedingungen als an vielen Schweizer Bienenständen, insbesondere in höheren Lagen. Der Schwellenwert von rund 30 °C ist ein nützlicher Orientierungspunkt, darf aber nicht als starre, universell gültige Grenze verstanden werden, die gleichermassen für das Schweizer Mittelland, Berglagen oder stark beschattete Standorte gilt.

Was sich nicht schlussfolgern lässt. Diese Studie macht keine Aussagen darüber, welche genaue Kapazität eine Tränke haben sollte, welche Entfernung zum Bienenstand optimal wäre oder welche Wasserquelle in allen Situationen die beste ist. Sie misst auch nicht direkt die von jeder einzelnen Sammlerin eingetragene Wassermenge noch die genaue Anzahl der Flüge. Die Studie zeigt eine biologische Dynamik, die für die Praxis wertvoll ist, liefert aber allein keine universelle Verhaltensnorm.

4. Was bedeutet das für den Bienenstand?

Am Bienenstand bestätigt diese Studie, dass eine zuverlässige Wasserquelle als Grundressource zu betrachten ist – und nicht als nebensächliches Detail, das nur bei Hitzewellen relevant wird.

  • Einen stabilen Wasserzugang ab Beginn der Brutpflege sicherstellen – nicht erst im Hochsommer.
  • Bei starken Völkern besonders wachsam sein, wenn die Tage warm und trocken werden, insbesondere im Frühling und Sommer.
  • Den Richtwert von 22 °C mittlerer Tagestemperatur bzw. rund 30–32 °C Maximum als praktisches Signal für einen möglichen Anstieg des Wasserbedarfs betrachten – nicht als absolute Regel.
  • Eine saubere, attraktive und gesicherte Tränke mit Schwimmern oder anderen Vorrichtungen zur Vermeidung von Ertrinken bleibt eine sinnvolle Massnahme.
  • Für die Schweiz die Interpretation dem tatsächlichen Standortkontext anpassen: Höhenlage, Exposition, Beschattung, natürliches Wasserangebot, Volksstärke und Trachtlage können den Bedarf an freiem Wasser stark beeinflussen.

Originalstudie lesen

Effects of weather and colony size on water collection in honey bee, Apis mellifera, colonies

Le Bivic, P., Alaux, C., Gay, C., Vidau, C., Le Conte, Y., Belzunces, L. P., & Pioz, M. (2025). Effects of weather and colony size on water collection in honey bee, Apis mellifera, colonies. Animal Behaviour, 227, 123271. https://doi.org/10.1016/j.anbehav.2025.123271

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Literatur

Le Bivic, P., Alaux, C., Gay, C., Vidau, C., Le Conte, Y., Belzunces, L. P., & Pioz, M. (2025). Effects of weather and colony size on water collection in honey bee, Apis mellifera, colonies. Animal Behaviour, 227, 123271. https://doi.org/10.1016/j.anbehav.2025.123271

Autor
Le Bivic, P., Alaux, C., Gay, C., Vidau, C., Le Conte, Y., Belzunces, L. P., & Pioz, M.
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