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Notfallbehandlung im Herbst: Ob mit oder ohne Brut ist nicht die einzige Frage

Im Kampf gegen die Varroamilbe gilt als Grundregel: Oxalsäure wird vor allem außerhalb der Brutzeit eingesetzt, während Ameisensäure dann sinnvoll ist, wenn noch verdeckelte Brut vorhanden ist. Doch im Spätherbst erfordern bestimmte Ausnahmesituationen eine differenziertere Betrachtung: Die eigentliche Frage lautet dann, ob der Bienenstock noch wintertauglich ist und welche Maßnahme zu diesem Zeitpunkt der Saison noch sinnvoll ist.

1. Das Grundprinzip — und was eine echte Notbehandlung ist

Ziel
Den wichtigsten praktischen Orientierungspunkt festlegen und daran erinnern, dass eine Notbehandlung nicht einfach darin besteht, „stärker zu behandeln", sondern je nach Jahreszeit nach einer anderen Logik vorzugehen.

In der Praxis lässt sich Folgendes festhalten: Oxalsäure wirkt vor allem bei brutfreiem Zustand, während Ameisensäure ihren Nutzen behält, wenn noch verdeckelte Brut vorhanden ist. Ameisensäure wirkt auch auf Varroamilben in der verdeckelten Brut, während Oxalsäure vor allem die auf den erwachsenen Bienen sitzenden Milben (phoretische Varroamilben) abtötet ; deshalb wird sie hauptsächlich eingesetzt, wenn das Volk brutfrei ist.

Eine Notbehandlung besteht jedoch nicht einfach darin, „stärker zu behandeln". Im Sinne des apiservice-Konzepts handelt es sich um eine echte Sanierung an einem einzigen Tag : Das Volk wird auf neue Mittelwände umlogiert, die Bienen werden in eine saubere Beute abgeschüttelt oder abgewischt, und alle alten Rähmchen werden entfernt und eingeschmolzen, einschliesslich jener mit verdeckelter Brut. Genau das gewährleistet, dass nach dem Eingriff kein Brutrest im behandelten Volk verbleibt.

Diese Art von Eingriff ist jedoch nur realistisch, solange die Saison noch eine echte Reorganisation des Volkes erlaubt. Im fortgeschrittenen Herbst ist diese Option oft nicht mehr geeignet : Dann muss anders vorgegangen werden.

2. Im Herbst lautet die erste Frage nicht: welches Produkt, sondern: welches Volk

Ziel
Die Überlegung verlagern : Bevor das Produkt besprochen wird, muss zunächst gefragt werden, ob das Volk noch in gutem Zustand überwintert werden kann.

Im Herbst genügt es daher nicht zu fragen, ob noch Brut vorhanden ist. Die nützlichste Frage lautet zunächst : Kann das Volk noch in gutem Zustand überwintert werden? Ein noch lebendes Volk ist nicht zwingend ein guter Kandidat für die Überwinterung. Ein schwaches Volk im Herbst bleibt ein schwaches Volk im Frühling — falls es überhaupt überlebt.

Die richtige Herbstentscheidung besteht also nicht nur darin, ein Produkt zu wählen, sondern eine echte Völkerbeurteilung vorzunehmen. So lässt sich vermeiden, Situationen künstlich zu verlängern, die keine realistische Perspektive für die Überwinterung mehr bieten.

Kasten : Nicht alle Völker müssen überwintert werden

Zwischen Mitte September und dem Herbst kann es sinnvoll sein, bestimmte Völker zu vereinen, umzuweiseln oder zu töten. Kleine, gesunde Völker können noch vereint werden, während sehr schwache Völker oder Völker mit ausgeprägten Entwicklungsproblemen nicht um jeden Preis erhalten werden sollten.

Bei Verdacht auf Amerikanische oder Europäische Faulbrut muss vor jeder Tötung der Bieneninspektor benachrichtigt werden.

3. Im Herbst verändert sich die Logik schrittweise

Ziel
Aufzeigen, dass sich die Entscheidung im Laufe des Herbstes verändert : Die Überlegung im September unterscheidet sich von jener später in der Saison.

Praktisch gesehen markiert der Herbst einen Übergang. Nach der zweiten Sommerbehandlung geht es nicht mehr nur darum, ob noch Brut vorhanden ist, sondern auch darum, ob das Volk noch stark genug ist, um zu überwintern, und ob eine bestimmte Massnahme zu diesem Zeitpunkt der Saison noch sinnvoll ist.

Das heisst: Im Frühherbst bewegt man sich noch teilweise in der Logik der Sommerbehandlung. Je weiter die Saison fortschreitet, desto mehr tritt eine andere Logik in den Vordergrund : Es geht nicht mehr darum, das Volk tiefgreifend zu reorganisieren, sondern zu beurteilen, ob es noch winterfähig ist und ob eine Zusatzbehandlung das Risiko vor dem Winter noch sinnvoll reduzieren kann.

4. Die wichtige Ausnahme : Oxalsäure trotz vorhandener Brut

Ziel
Einen häufigen Irrtum präzise ausräumen : „Wenn noch Brut vorhanden ist, nützt Oxalsäure nichts."

Diese Aussage ist zu absolut. Sie ist korrekt, wenn es um eine optimale Behandlung geht : Bei vorhandener verdeckelter Brut sinkt die Wirksamkeit der Oxalsäure deutlich, da die in den Zellen verborgenen Varroamilben nicht erreicht werden. Sie wird jedoch irreführend, wenn man sie undifferenziert auf eine herbstliche Ausnahmesituation anwendet.

Der entscheidende Punkt lautet : Selbst wenn noch Brut vorhanden ist, kann Oxalsäure die auf den erwachsenen Bienen sitzenden Milben — also die phoretischen Varroamilben — zum Abfallen bringen. Sie befreit das Volk also nicht vollständig von seinen Milben, kann aber den Befallsdruck rasch senken.

Genau in solchen Situationen kann eine Zusatzbehandlung im Herbst noch gerechtfertigt sein : nicht weil es die ideale Lösung ist, sondern weil es manchmal die noch mögliche sinnvollste Massnahme ist, um ein gefährlich gewordenes Risiko vor dem Winter zu reduzieren. In diesem Zusammenhang geht es nicht mehr um eine vollständige Sanierung, sondern um eine rasche Schadensbegrenzung.

Es ist jedoch äusserst wichtig, präzise zu bleiben : Diese Ausnahmemassnahme ersetzt nicht die eigentliche Winterbehandlung. Die Winterbehandlung mit Oxalsäure bei brutfreiem Zustand muss anschliessend wie geplant durchgeführt werden.

5. Praktische Zusammenfassung

Ziel
Eine einfache, direkt am Bienenstand nutzbare Orientierungshilfe für Herbstsituationen geben, die häufig zu Verwirrung führen.

Die Herbstentscheidung lässt sich in drei einfachen Fragen zusammenfassen.

  • Ist das Volk noch winterfähig?
    Ist es zu schwach, sollte man an Volksvereinigung — oder in bestimmten Fällen an Abtöten — denken, statt das Volk künstlich am Leben zu erhalten.
  • Befinden wir uns noch in der Logik der Sommerbehandlung?
    Im Frühherbst ist diese Frage oft noch relevant, besonders wenn das Volk noch eine gewisse Erholungsfähigkeit zeigt.
  • Befinden wir uns in einer herbstlichen Ausnahmesituation?
    Wenn der Befallsdruck noch zu hoch ist, kann eine Zusatzbehandlung mit Oxalsäure gerechtfertigt sein, selbst wenn noch Brut vorhanden ist — nicht weil es ideal ist, sondern weil es manchmal die sinnvollste noch mögliche Massnahme ist, um wenigstens die phoretischen Varroamilben vor dem Winter zum Abfallen zu bringen.

6. Fazit

Die praktische Botschaft besteht also nicht darin, die Dinge unnötig zu verkomplizieren, sondern eine irreführende Vereinfachung zu vermeiden. Oxalsäure bei brutfreiem Zustand, Ameisensäure bei vorhandener Brut bleibt das Grundprinzip. Im Herbst reduziert sich die Entscheidung jedoch nicht mehr auf diesen einzigen Gegensatz : Es muss auch beurteilt werden, ob das Volk noch winterfähig ist und ob man sich in einer Ausnahmesituation am Saisonende befindet, in der es nicht mehr um eine vollständige Sanierung geht, sondern darum, ein gefährlich gewordenes Risiko rasch zu reduzieren.


Siehe auch:

Autor
S. Imboden & C. Pfefferlé
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