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Drohnbrütige Völker, die eine neue Königin nachziehen

(von Janine Kievits)

Ein drohnenbrütiges Volk hat eigentlich keine Zukunft mehr. Es kann nur noch Männchen aufziehen, entweder weil seine Königin die Fähigkeit verloren hat, die von ihr gelegten Eier zu befruchten, oder weil überhaupt keine Königin mehr vorhanden ist und legende Arbeiterinnen die Rolle übernommen haben. Und doch geschieht es von Zeit zu Zeit – äusserst selten, aber es kommt vor –, dass ein Imker überrascht feststellt, dass sich in der Beute, deren Waben er gerade abschütteln wollte, eine schöne Brut im Aufbau befindet. Wie ist das möglich?

Drohnenbrütige Völker und Thelytokie – wenn Arbeiterinnen wieder Königinnen hervorbringen

Ein bourdonnenes Volk gilt klassisch als verloren: Fehlt eine legende Königin, legen Arbeiterinnen unbefruchtete Eier, aus denen ausschließlich Drohnen entstehen. Der Artikel zeigt jedoch, dass es in seltenen Fällen zur Produktion weiblicher Nachkommen – sogar neuer Königinnen – kommen kann. Der zugrunde liegende Mechanismus ist die sogenannte thelytokische Parthenogenese.

Bei der normalen Fortpflanzung der Honigbiene entstehen aus unbefruchteten Eiern haploide Männchen (arrhenotoke Parthenogenese), aus befruchteten Eiern diploide Weibchen. Thelytokie bezeichnet dagegen eine Sonderform der Parthenogenese, bei der aus unbefruchteten Eiern diploide Weibchen hervorgehen. Biologisch geschieht dies durch die Verschmelzung des Ovulenkerns mit einem Polkörper, der funktionell die Rolle des Spermiums übernimmt.

Dieses Phänomen ist bei vielen Tiergruppen verbreitet, bei Honigbienen jedoch die Ausnahme. Eine bekannte Sonderform ist die Kapbiene (Apis mellifera capensis), deren Arbeiterinnen regelmäßig thelytokisch Nachkommen erzeugen können, darunter auch Königinnen. Diese Fähigkeit verleiht ihnen einen erheblichen evolutionären Vorteil, kann aber bei Vermischung mit anderen Unterarten zu massiven Schäden führen, da capensis-Arbeiterinnen fremde Völker parasitieren und zum Zusammenbruch bringen.

Auch bei der Europäischen Honigbiene (Apis mellifera mellifera) ist Thelytokie grundsätzlich möglich, jedoch extrem selten. Historische Experimente und neuere Zuchtversuche zeigen, dass unter speziellen Bedingungen (weisellose Ableger, bestimmte Linien) einzelne Arbeiterinnen weibliche Nachkommen erzeugen können. Die Erfolgsrate liegt jedoch meist unter 1 % und variiert stark zwischen Linien.

Thelytokie kann kurzfristig als „Notmechanismus“ wirken, um ein Volk vor dem endgültigen Verlust zu bewahren. Langfristig ist sie jedoch kein Ersatz für die sexuelle Fortpflanzung, da genetische Durchmischung fehlt und die Anpassungsfähigkeit sinkt. In der Natur und in der Imkerei bleibt die reguläre Königinnenaufzucht und Begattung der dominante und evolutiv stabile Weg.

Fazit: Bourdonnenvölker sind biologisch nicht immer endgültig verloren. Dielytokische Parthenogenese kann in Ausnahmefällen zur Bildung neuer Königinnen führen, bleibt jedoch eine seltene, genetisch eingeschränkte Sonderstrategie ohne praktische Bedeutung für die reguläre Imkerei.
 


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Artikel erschienen in: La Santé de l’Abeille, Nr. 281, S. 403–412, Oktober 2017

Autor
Janine Kievits
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