Die Wintertraube
Die Kunst der Ökonomie (Janine Kevits)
Der Winter stellt für die Fauna eine besonders anspruchsvolle Prüfung dar, da sowohl Kälte als auch Nahrungsmangel zu bewältigen sind. Einige Insekten haben sich dafür entschieden, ihm auszuweichen, und ziehen in wärmere Regionen; dazu zählt etwa der Schmetterling Distelfalter. Andere setzen ihre Überlebenschancen vollständig auf wenige Individuen, die als Fortpflanzer während der günstigen Jahreszeit reichlich ernährt werden und im darauffolgenden Frühjahr allein eine neue Kolonie gründen sollen; so verfahren Wespen, Hornissen und andere solitär lebende Bienen. Die Honigbiene hingegen hat einen anderen Weg gefunden: Es ist die leistungsfähige Organisation der von ihr gebildeten Kolonien, die es ihr ermöglicht, diese Herausforderung zu meistern, indem sie zwei in der Insektenwelt völlig neuartige Strategien umsetzt: zum einen die Anlage von Vorräten und zum anderen die Umstrukturierung der Kolonie zur Bildung der Wintertraube, eines Systems, das durch das Fehlen von Brut sowie durch Funktionsweisen gekennzeichnet ist, die sich grundlegend von denen der Sommerkolonie unterscheiden.
Die Wintertraube – Energiesparen als Überlebensstrategie
Die Honigbiene überwintert nicht als Individuum, sondern als organisierte Kolonie in Form der Wintertraube. Sobald die Außentemperatur unter etwa 15 °C fällt, beginnen die Bienen sich zusammenzuziehen; bei rund 7 °C ist die Traube vollständig ausgebildet. Kennzeichnend für diese Winterorganisation sind Brutlosigkeit, stark reduzierte Aktivität und ein hochgradig regulierter Energiehaushalt.
Die Traube besitzt eine funktionelle Zweiteilung. Im Inneren befindet sich ein warmer Kern, in dem etwa 15–16 % der Bienen aktiv Wärme erzeugen. Diese sogenannten Heizbienen produzieren Wärme durch isometrische Kontraktionen der Flugmuskulatur – derselbe Mechanismus, der auch zur Brutheizung genutzt wird, jedoch ohne Flügelbewegung. Die Energie wird vollständig in Wärme umgesetzt. Die Aktivität dieser Bienen ist zeitlich begrenzt, weshalb sich die Heizfunktion innerhalb der Traube ständig ablöst.
Die äußeren Schichten der Traube bilden einen isolierenden Mantel. Diese Bienen sind nahezu inaktiv, ihr Stoffwechsel ist stark abgesenkt. Durch dichtes Aneinanderliegen der behaarten Thoraxbereiche entsteht eine effektive Isolationsschicht, die Wärmeverluste minimiert. In der Peripherie können Temperaturen von nur 6–7 °C herrschen, während der Kern je nach Außentemperatur zwischen etwa 12 °C und über 30 °C schwanken kann. Die Kolonie heizt also nicht die ganze Beute, sondern ausschließlich sich selbst.
Die Temperaturregulation ist dynamisch und an die Umwelt angepasst. Sinkt die Außentemperatur stark, erhöht der Kern seine Wärmeproduktion, um die Randbienen vor dem Kollaps zu schützen. Ziel ist nicht eine konstante Temperatur, sondern das Vermeiden kritischer Schwellen, insbesondere der individuellen Kollapstemperatur von etwa 10 °C.
Ein zentraler Energiesparmechanismus ist die kontrollierte Atmung. Die Wintertraube reguliert aktiv ihre Ventilation und hält sich in einem Zustand relativer Hypoxie mit erhöhtem CO₂-Gehalt. Dadurch wird der Sauerstoff begrenzt, der für den Zuckerstoffwechsel zur Verfügung steht, was den Verbrauch der Honigreserven reduziert. Störungen der Traube erhöhen die Sauerstoffzufuhr, steigern sofort den Stoffwechsel und führen zu zusätzlichem Futterverbrauch.
Die Leistungsfähigkeit der Wintertraube hängt stark von ihrer Größe ab. Kleine Trauben (unter ca. 400 g bzw. ~17 000 Bienen) verlieren überproportional viel Wärme und sind kaum überlebensfähig. Größere Trauben sind energetisch effizienter; unter mitteleuropäischen Winterbedingungen verbrauchen starke Kolonien bei sehr tiefen Temperaturen sogar weniger Energie als bei milderen.
Fazit: Die Wintertraube ist ein hochoptimiertes, kollektives Thermoregulationssystem. Für den Imker bedeutet dies: ausreichende Futterreserven, Ruhe, Schutz vor Wind und angemessene Lüftung sind entscheidender als starke Beutenisolierung.
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Quelle: abeilles & cie; 124-2009 Nr. 131 http://www.cari.be


