Die Mechanismen des natürlichen Schwärmens
Nach der Videokonferenz von Prof. Joseph Hemmerlé vom 11.01.2025, Landwirtschaftsschule Châteauneuf / Sitten
Das Schwärmen ist ein natürliches Phänomen im Zentrum der Dynamik der Honigbienen. Im Rahmen dieses Prozesses verlässt ein Teil der Kolonie, angeführt von der alten Königin, den Bienenstock, um einen neuen Lebensraum zu gründen. Für die Imkerei stellt das Schwärmen eine Herausforderung dar, bietet jedoch zugleich eine Möglichkeit zur Erneuerung der Völker. Dank der vertieften Forschungsarbeiten und der sorgfältigen Beobachtungen von Professor Joseph Hemmerlé ist es möglich, die biologischen, ethologischen und umweltbedingten Mechanismen, die diesem faszinierenden Verhalten zugrunde liegen, besser zu verstehen.
1. Einleitung
Die Bienen der Gattung Apis zeigen ein hochgradig soziales Verhalten, das sich durch drei Kriterien auszeichnet:
- Arbeitsteilung (Polyethismus) mit der Existenz einer geringen Anzahl reproduktiver Individuen (manchmal nur eines);
- Kooperation der Individuen bei der Aufzucht der Nachkommenschaft;
- Überlappung mehrerer Generationen innerhalb der Gruppe.
Darüber hinaus zeichnen sich die meisten sozialen Insekten durch ihre Fähigkeit aus, Nester zu bauen, die teilweise eine komplexe Architektur aufweisen.
Die Vorteile des Lebens in der Gruppe umfassen:
- Schutz vor Prädatoren
- Vorsorge durch Vorratshaltung und Weitergabe von Informationen über Nahrungsquellen
- Arbeitsteilung
- Funktionale Regeln mit intergenerationeller Kohäsion
Das Leben in der Gruppe hat jedoch auch Nachteile:
Enge Kontakte, hohe Dichte, erhöhtes Risiko der Ausbreitung von Krankheiten und Parasitosen.
Der Einfluss des Menschen durch seine imkerlichen Praktiken und Techniken blieb weitgehend ohne Wirkung auf Morphologie, Physiologie und Verhalten der Honigbiene.
Diese hat ihren ambivalenten Status nie verloren: Als wildlebender Schwarm war sie „feral“, wurde vom Imker jedoch „domestiziert“ und in Beuten gehalten. Dennoch kann sie ihre Unabhängigkeit wiedererlangen und schwärmen – mitunter mehrfach – und letztlich tun, was ihr biologisches Programm vorgibt.
2. Das Schwärmen: Ein Prozess, kein Ereignis
Im Gegensatz zu einer einfachen Teilung ist das Schwärmen ein komplexer, präzise orchestrierter Prozess. Er erstreckt sich über mehrere Wochen und mobilisiert die gesamte Kolonie. Bereits in den frühen Phasen wird eine sorgfältige Vorbereitung eingeleitet. Die Arbeiterinnen (oder treffender: das Insektenvolk) beginnen unter dem Einfluss vielfältiger interner und externer Faktoren mit strukturellen und verhaltensbezogenen Veränderungen, die auf eine Teilung der Kolonie in zwei klar abgegrenzte Gruppen abzielen: jene Bienen, die mit der alten Königin ausziehen, und jene, die im Stock verbleiben und eine neue Königin aufnehmen.
Dieser natürliche Schwarmzyklus weist eindeutige gesundheitliche Vorteile auf:
Er führt zum Bau eines neuen Nests mit neuen Waben und bewirkt dadurch eine Verringerung des Parasiten- und Krankheitsdrucks (Störung der Vermehrungsdynamik der Varroa-Milbe sowie anderer infektiöser Pathologien).
Die Schwarmhäufigkeit folgt einer bimodalen Verteilung mit einem ausgeprägten Höhepunkt Mitte Mai und einem geringeren Höhepunkt Mitte August.
Die Dauer dieses Prozesses verdeutlicht die Komplexität der sozialen Interaktionen innerhalb des Bienenvolkes. Etwa fünfzehn Tage vor dem Abflug errichten die Arbeiterinnen rund ein Dutzend Weiselzellen in peripheren Bereichen der Waben – ein deutliches Anzeichen der bevorstehenden Teilung. Die Königin wird gleichzeitig auf Diät gesetzt, um ihr Körpergewicht zu reduzieren und den Flug vorzubereiten. Parallel dazu treten spezifische akustische Signale innerhalb der Kolonie auf, deren Häufigkeit mit dem näher rückenden Abflug zunimmt.
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Etwa zehn Tage vor dem Schwärmen füllen sich die beteiligten Arbeiterinnen mit Honig und speichern bis zu 35 Milligramm pro Individuum als Energiereserve für die Reise. Diese Bienen, die den zukünftigen Schwarm bilden, zeigen als Reaktion auf akustische Signale ihrer Artgenossinnen ein zunehmend hektisches Verhalten. In den Stunden unmittelbar vor dem Abflug kommt es schließlich zu sogenannten „brummenden Märschen“, bei denen die Bienen intensiv vibrieren und sich stark aktivieren, um die gesamte Gruppe auf die Trennung vorzubereiten.
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3. Biologische und Umweltbedingte Auslöser
Das Schwärmen ist keine spontane Reaktion, sondern das Ergebnis eines Zusammenspiels mehrerer Auslöser. Zu den internen Faktoren zählen eine wachsende Population, eine zunehmende Belegung der Brutwaben sowie ein Anstieg der Anzahl junger Bienen. Diese noch unreifen Individuen tragen zur Verdünnung der Königinnenpheromone bei. Pheromone – flüchtige Moleküle, die von der Königin produziert werden – sind entscheidend, um die Aufzucht neuer Königinnen zu hemmen und den Zusammenhalt der Kolonie aufrechtzuerhalten. Sinkt ihre Konzentration, interpretieren die Arbeiterinnen dies als Signal zur Vorbereitung eines Schwarms.
Auch äußere Bedingungen spielen eine zentrale Rolle. Saisonalität, Ressourcenverfügbarkeit und Witterung beeinflussen die Wahrscheinlichkeit eines Schwärmens maßgeblich. Besonders häufig tritt dieses Verhalten im Frühjahr auf, wenn das Blütenangebot reichlich und die Temperaturen für den Flug günstig sind.
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4. Der Abflug: Eine Kollektive Choreografie
Sind alle Bedingungen erfüllt, tritt die Kolonie in eine spektakuläre Übergangsphase ein. Die alte Königin verlässt gemeinsam mit 40 bis 70 % der Arbeiterinnen den Stock in einem Wirbel aus Bienen. Der Schwarm bleibt trotz seiner Bewegung eng koordiniert, was durch das von der Königin abgegebene Pheromon gewährleistet wird, das den Zusammenhalt der Gruppe im Flug sichert.
Der Schwarm legt nur eine kurze Strecke zurück, bevor er sich vorübergehend an einem nahegelegenen Objekt – etwa einem Ast oder einem Pfosten – niederlässt. Diese Übergangsphase, die häufig gut beobachtbar ist, ermöglicht es den Spurbienen, die Umgebung zu erkunden und einen geeigneten neuen Nistplatz zu identifizieren. Diese erfahrenen Bienen suchen über mehrere Kilometer hinweg nach einer geschützten Höhlung mit ausreichendem Volumen, guter thermischer Isolation und günstigem Zugang zu Ressourcen.
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5. Kollektive Entscheidungsfindung: Die Kunst der Spurbienen
Die Spurbienen (sie machen nur etwa 5 % der Individuen des Schwarms aus) spielen eine zentrale Rolle bei der Migration des Schwarms. Finden sie einen potenziellen Standort, kehren sie zum Schwarm zurück und führen auf der Oberfläche der Traube einen spezifischen Tanz aus. Dieser Tanz übermittelt präzise Informationen über Richtung, Entfernung und Qualität des Standorts. Weitere Spurbienen werden durch dieses Signal motiviert, den Ort selbst zu überprüfen.
Der Entscheidungsprozess basiert auf einem Quorum bzw. einer repräsentativen Form der Entscheidungsfindung, nicht auf vollständigem Konsens. Sobald sich eine ausreichende Anzahl von Spurbienen auf denselben Standort festgelegt hat, senden sie akustische und vibrierende Signale aus, um den gesamten Schwarm zu mobilisieren. Die Migration zum neuen Standort beginnt daraufhin und wird durch ein „direktives Anleiten“ gesteuert, bei dem Hunderte von Spurbienen den Schwarm in schnellen Durchquerungen und langsameren Umfliegungen führen.
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6. Die Herkunftsbeute: Eine Notwendige Reorganisation
Im Muttervolk hinterlässt der Abzug des Schwarms eine komplexe Übergangssituation. Mehrere Jungköniginnen schlüpfen, doch nur eine kann die Herrschaft übernehmen. Die Wiederherstellung der Monogynie erfolgt über Kämpfe zwischen den Königinnen, bei denen jede versucht, ihre Rivalinnen zu eliminieren. Diese Auseinandersetzungen, oft heftig, werden von vibroakustischen Signalen begleitet – den bekannten „Tut“- und „Quak“-Lauten –, die diesen Wettbewerb strukturieren.
Die Arbeiterinnen sind zwar nicht direkt an den Kämpfen beteiligt, übernehmen jedoch eine regulierende Rolle, indem sie noch verschlossene Weiselzellen verschließen oder gezielt das Schlüpfen einer bestimmten Königin begünstigen. Diese Verhaltensweisen sichern die zukünftige Stabilität der Kolonie.
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7. Imkerliche Praxis: Antizipieren und Vorbeugen
Für den Imker kann das Schwärmen sowohl Frustration als auch Chancen bedeuten. Eine proaktive Betriebsweise ist entscheidend, um unerwünschtes Schwärmen zu begrenzen. Dazu zählen der regelmäßige Austausch alter Königinnen, die Bereitstellung ausreichenden Brutraums sowie die Umverteilung von Waben zur Vermeidung von Platzmangel. Die Bildung künstlicher Schwärme ist eine häufig angewandte Methode, um diesen natürlichen Prozess zu steuern und gleichzeitig den biologischen Bedürfnissen der Bienen gerecht zu werden.
Technologische Fortschritte wie thermische und akustische Sensoren ermöglichen heute die frühzeitige Erkennung von Vorzeichen des Schwärmens. Diese Instrumente eröffnen Imkern die Möglichkeit, rasch und gezielt einzugreifen und potenzielle Verluste zu reduzieren.
Hinweis:
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8. Ein Inspirierendes Naturphänomen
Das Schwärmen ist weit mehr als eine imkerliche Herausforderung: Es stellt eine eindrucksvolle Demonstration der kollektiven Intelligenz der Bienen dar. Das Verständnis seiner Mechanismen und Auswirkungen ermöglicht nicht nur eine verbesserte Betriebsweise, sondern eröffnet auch einen tieferen Einblick in die Komplexität und Resilienz von Bienenvölkern. Dank der Forschung von Professor Hemmerlé und der langjährigen Erfahrung der Imkerschaft stehen heute wertvolle Erkenntnisse zur Verfügung, um die Bienen bei diesem uralten Prozess sachkundig zu begleiten.
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