Der ungewöhnliche Fall einer sammelnden Königin
Für Sie gelesen von Claude Pfefferlé
Doch wohin fliegt die Königin eigentlich? Der bislang einzigartige Fall einer sammelnden Königin! Wieder gerät ein Dogma ins Wanken…
In der Landschaft im Norden Sardiniens wurde im Frühjahr 2021 erstmals eine italienische Honigbienenkönigin (Apis mellifera ligustica) beobachtet, während sie an einer Borretschblüte (Borago officinalis) sammelte – sehr wahrscheinlich im Rahmen eines Orientierungsfluges vor der Paarung.
Einleitung
Die Fortpflanzung ist aufgrund ihrer spezifischen morpho-funktionellen Merkmale die einzige Aufgabe, die der Königin normalerweise zugewiesen wird, während die Sammelaktivitäten ausschliesslich von den Arbeiterinnen der Honigbienenkolonie ausgeführt werden. So ist beispielsweise der Rüssel der Königin kürzer als derjenige der Arbeiterinnen und daher weniger geeignet, das Innere der Blüten zur Nektargewinnung zu erkunden. Auch die olfaktorische und visuelle Wahrnehmung ist bei der Königin weniger stark ausgeprägt als bei den Arbeiterinnen, obwohl gerade diese Reize entscheidend sind, um geeignete Blüten zu erkennen und die Nahrungsquelle innerhalb der Blüte zu finden.
In der Landschaft im Norden Sardiniens wurde im Frühjahr 2021 erstmals eine italienische Honigbienenkönigin (Apis mellifera ligustica) beobachtet, während sie an einer Borretschblüte (Borago officinalis) sammelte – sehr wahrscheinlich im Rahmen eines Orientierungsfluges vor der Paarung.
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Abbildung 1: Eine Honigbienenkönigin (Apis mellifera L.), die sich an einer Borretschblüte (Borago officinalis L.) ernährt |
Die weit geöffnete und wenig tiefe Blütenkrone sowie die starke Nektarsekretion der Borretschblüte könnten die Sammelaktivität dieser Königin begünstigt haben. Dieses neue königliche Verhalten basiert auf den morphologischen Merkmalen des untersuchten Exemplars sowie auf den zu diesem Zeitpunkt aufgenommenen Fotografien. Die beobachtete Sammelaktivität eröffnet neue, bislang unerforschte Perspektiven auf das Verhalten von Bienenköniginnen ausserhalb der Kolonie (oder der Beute), das gelegentlich auch Tätigkeiten umfassen könnte, die üblicherweise ausschliesslich den Arbeiterinnen vorbehalten sind.
Zusammenfassung des Artikels
Im Rahmen einer Untersuchung der apidologischen Fauna in der Landschaft im Norden Sardiniens im April 2021 wurde in Uri, Provinz Sassari (Italien), eine italienische Honigbienenkönigin (Apis mellifera ligustica) beobachtet, die an einer Borretschblüte (Borago officinalis L.) sammelte – sehr wahrscheinlich während eines Orientierungsfluges vor der Paarung. Morphologische Details, erkennbar anhand von mit blossem Auge aufgenommenen Fotografien sowie stereomikroskopischen Beobachtungen, bestätigten, dass die Königin Nektar aufnahm. Die ausgeprägte Entwicklung des Abdomens, das Fehlen von Pollensammelstrukturen an den Hinterbeinen (Pollenkörbchen) sowie weitere Merkmale wie die typisch distal zweilappige Form der Mandibeln mit langen Haaren auf deren Aussenfläche belegten die strukturellen Unterschiede zwischen diesem beobachteten königlichen Exemplar und Individuen anderer Kasten.
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Abbildung 2: Morphologische Details der Mundwerkzeuge der beobachteten Honigbienenkönigin: (a) verlängerter Rüssel; (b) zweilappige Mandibelform mit zahnförmigem Aussenlappen; (c) lange Haare auf der Aussenfläche der Mandibeln (Uri, Sardinien, Italien; Foto: Pietro Niolu). |
Die Länge des Rüssels, obwohl kürzer als bei den Arbeiterinnen, konnte durch die weit geöffnete Blütenkrone der Borretschblüte und die hohe Attraktivität ihres Nektars kompensiert werden. Diese neue Beobachtung belegt, dass sich eine Königin unter natürlichen Bedingungen selbst ernähren kann, vermutlich um die für den Hochzeitsflug notwendige Energie zu gewinnen. Auch wenn Störfaktoren, die dieses erstmals beobachtete und überraschende Verhalten erklären könnten, nicht ausgeschlossen werden können, eröffnet die Nahrungssuche einer (jungfräulichen) Königin neue Perspektiven für Forschung und Diskussion im Kontext der Literatur zum Verhalten der Königin vor der Begattung sowohl innerhalb als auch ausserhalb der Beute. Viele dieser Fragen sind bislang noch nicht abschliessend geklärt.
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